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Verdichtung, Weltverlust und Zeitdruck

Kay Kirchmann: Verdichtung, Weltverlust und Zeitdruck: Grundzüge einer Theorie der Interdependenzen von Medien, Zeit und Geschwindigkeit im neuzeitlichen Zivilisationsprozeß. Opladen 1998. Leske + Budrich. 542 S.
Von Karsten Stempel Wenn »Paradigma« ein Denkmuster meint, durch das (eine) Wissenschaft geprägt ist, dann kann endlich einmal zurecht von dem allzusehr bemühten »Paradigmenwechsel« gesprochen werden, will man Thema und Aussage des Buches von Kay Kirchmann beurteilen. Seine veröffentlichte Dissertation hat grundlegenden Charakter: Sie versachlicht nicht nur die Diskussion um die Medien, die Zeit und Geschwindigkeit, sondern versucht nichts Geringeres als die Umschreibung einer Wissenschaft und ihrer Methode, die bisher allzu unreflektiert und teilweise unsachgemäß waren.

Notgedrungen holt Kirchmann dazu weit aus und fordert mithin die Konzentration des Lesers, denn die Komplexität (nicht Kompliziertheit!) der Sache verlangt verzweigtes und vergleichendes Denken. So zieht er sein Thesengebäude systematisch von verschiedenen Disziplinen her auf, damit eine »Theorie der gegenseitigen Abhängigkeiten neuzeitlicher Zivilisationsprozesse« entstehen kann, die fundiert ist und sich wohltuend von solchen metaphysischen Tendenzen absetzt, wie sie sich besonders in den unsäglichen kulturpessimistischen Aussagen Paul Virilios oder in den naiven Fortschrittsthesen Peter Weibels manifestieren.

Der ganzheitliche Ansatz des Buches ist im besten Sinne aufklärerisch, weil er (selbst-)reflektierend ist, zentrale Termini dezidiert (neu-)formuliert und weitsichtig die Methoden und Erkenntnisse von Nachbarwissenschaften einfließen läßt. Dabei verfällt er glücklicherweise nicht in einen alles relativierenden Tenor oder maßt sich an, zeitlose Begriffe und Werkzeuge gefunden zu haben. Der Stil des Buches ist anspruchsvoll; doch mangelt es an keiner Stelle an nötiger Klarheit, sei es in der Sache oder im Standpunkt des Autors (stellenweise auftauchende Polemik ist in diesem Fall geradezu erbaulich).

Kirchmann ist ein Buch gelungen, das ebenso eine handlungsfähige Einschätzung der gegenwärtigen Medienkultur ist wie eine Einführung in die aktuellen Medien-, Zeit- und Geschwindigkeitstheorien. Eine derart umfangreiche Analyse hat es verdient, Standardlektüre der Medienwissenschaft zu werden. 1970-01-01 01:00

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