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Blicke aus dem Bunker

Kay Kirchmann: Blicke aus dem Bunker. Paul Virilios Zeit- und Medientheorie aus der Sicht einer Philosophie des Unbewußten. Stuttgart 1998. Verlag Internationale Psychoanalyse. 209 S.
Von Karsten Stempel Nach der Veröffentlichung seiner Dissertation (s. Schnitt Nr. 10), deren interdisziplinärer Gegenstand grundlegenden Charakter für alle Medienwissenschaften besitzt, brilliert Kay Kirchmann nun mit einer Monographie über den populären, aber umstrittenen französischen Philosophen Paul Virilio.

Der Autor schreibt nicht für solche, die (fragwürdigerweise) schon immer genau wußten, was Virilio uns denn sagen will. Er solidarisiert sich stattdessen mit jenen Leserschichten, die bei der Lektüre der Texte Virilios »das vage Gefühl [haben], die eine oder andere These vernommen, sie aber nicht wirklich entwickelt oder gar erklärt bekommen zu haben«. Daher beschränkt sich Kirchmann nicht auf das bloße Zusammenfassen von Virilios Grundthesen, weil dies bedeutete, einem paradoxen Theoriengebäude Kohärenz und Intelligibilität zu verleihen, wo keine ist. Vielmehr geht es darum, die Widersprüche als im Denken und Schreiben Virilios angelegt zu erkennen.

Kirchmann legt dezidiert und gekonnt dar, daß und warum Virilio sich hinter stakkatohaftem Schreibstil und einer verwirrend-täuschenden Argumentationsweise geradezu verschanzt:
Mittels detaillierter Textanalyse und einer daran anschließenden Tiefenhermeneutik gelingt es zu belegen, daß Virilios Œuvre einem Bunker gleicht, der verbergen und schützen will. Virilios Philosophie ist eine der Angst im doppelten Sinne, denn sie ist aus (Virilios) Angst vor Krieg, Beobachtetwerden und einer komplexen, undurchschaubaren Welt geboren, und sie schürt (des Lesers) Angst »kraft ihres als wissenschaftliche Analyse getarnten apokalyptischen Diskurses«. Die von Virilio so benannten dromologischen Texte spiegeln keine differenzierten Wirklichkeiten wider, sondern nur die eine Wahrheit der Texte als eine Welt für sich.

Kirchmann weist hierauf erstmals überzeugend hin, nicht ohne ein kritisches Urteil über Inhalte von und Umgang mit den Thesen Virilios abzugeben. Eine Beschäftigung mit Virilio und anderen kulturpessimistischen Theoretikern der sogenannten Postmoderne kommt nicht um das anspruchsvoll und klar geschriebene Buch von Kay Kirchmann herum. 1970-01-01 01:00

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