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Hans Richter

Andreas Janser/Arthur Rüegg: Hans Richter. Die neue Wohnung. Lars Müller Publishers. 125 S.
Von Natascha Kramer Entscheidend an der Figur des Beobachters ist sein entsubjektivierter Status.« So die systemtheoretischen Überlegungen eines Luhmann. Janser und Rüegg beobachten in diesem Bildband den Film »Die neue Wohnung« (1930) des avantgardistischen Auftragfilmers Hans Richter.

Die Idee zu einem Film als Ausstellungsobjekt selbst entstand damals im Kontext der Woba, der ersten Schweizerischen Wohnungsausstellung, wurde jedoch vom Schweizer Werkbund aufgrund ideeller Differenzen schließlich als Gegenpol zur zwar modernen, aber dennoch bürgerlichen Ausstellung konzipiert. Der Werkbundfilm demonstrierte das für damalige Verhältnisse noch recht ungewöhnliche Vertrauen in die Wirksamkeit des Mediums Film als Reklame. In Hans Richter fand der SWB schließlich einen Regisseur, der den Balanceakt zwischen materiell orientierter Industrie und künstlerischer Avantgarde wagte und mit Bravour schaffte. Obwohl Dienstleister im eigentlichen Sinn, versuchte Richter in jedem seiner Filme »irgendein neues kinematografisches Element zu entwickeln«. Und beste Voraussetzungen, Architektur in einem anderen Medium als ihr selbst darzustellen, nämlich dem Film. Wobei sich die Autoren – schon fast entschuldigend – auf Giedion beziehen: »Nur der Film kann neue Architektur faßbar machen«.

Das Buch schließlich streckt sich in noch luftigere Höhen empor: Die Autoren begnügen sich nicht damit, die Entstehungshintergründe des Films penibel nachzuzeichnen, »Die neue Wohnung« selbst wird in Buchform abgebildet. Auf fast achtzig Seiten des Bandes schaut der Leser, liest der Zuschauer den Film. So wird schließlich die Architektur im Medium Film im Medium Buch innerhalb seiner systemtheoretischen Möglichkeiten durchaus adäquat dargestellt. Dabei ist die »Bildkomposition« des Buches wahrlich gut durchdacht, die Seiten sind mit Sequenzbildern geschmückt, aber nicht überfrachtet, das Auge des Lesers findet Zeit zum Verweilen und kann sogar im Schwarz verharren. Dazwischen kurze Bildbeschreibungen und -interpretationen.

Auch hier nur zwischen den Zeilen erkennbar, daß die Autoren, die doch so sorgfältig mit dem Medium Film umgegangen sind, selbst aus der Nähe der Architektur stammen: Rüegg ist Architekt, Janser Kunsthistoriker und erst in zweiter Linie Filmwissenschaftler. Die Beobachtung scheint in ihrem Werk entsubjektiviert und dennoch vernünftig. 1970-01-01 01:00
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