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Der Widerspenstigen Zähmung?

Andreas Jahn-Sudmann: Der Widerspenstigen Zähmung? Bielefeld 2006. Transcript Verlag. 396 Seiten. 32,- Euro.
Von Daniel Bickermann Der komplette Untertitel zu Jahn-Sudmanns Studie lautet »Zur Politik der Repräsentation im gegenwärtigen US-amerikanischen Independent-Film«, und dieses ehrgeizige Unterfangen ist Programm: Am Beginn steht erstmal ein (endlich, endlich) umfangreicher und tatsächlich befriedigender Definitionsdiskurs des Begriffs »Independent«, der künftigen Autoren in diesem Bereich zwangsläufig als Leuchtfeuer oder Schleifstein wird dienen müssen. Anschließend zeichnet Jahn-Sudmann die aktuellen Diskussionslinien der Gender und Cultural Studies nach, um schließlich sowohl in einer massiven Makroanalyse die Repräsentationspolitik der gesamten Branche zu untersuchen als auch in einzelnen Mikroanalysen demselben Komplex in aktuellen US-Produktionen nachzuspüren.

Für Leser, die mit akademischen Arbeiten nicht vertraut sind, ist das hier freilich alles andere als bunte Bettlektüre: unfreundlich kleine Schrift und ein extrem enger Drucksatz machen das Buch schon optisch anspruchsvoll, dazu lassen umfangreiche Fußnoten und eine Überschriften-Nummerierung bis in die dritte Dezimalstelle auch eine argumentative Komplexität durchscheinen. Die ist bei der doppelten Fragestellung aber auch nötig. Die Repräsentation von Gesellschaftsschichten, sexuellen Identitäten und ethnischer Herkunft in einem statischen System zu untersuchen, wäre aufwendig genug. In einem sich ständig im Fluß befindenden Begriffsstrom wie dem »Independent«-Bereich (dem ja je nach Stimmungslage der Ausverkauf ans Studiosystem, das Abtauchen in den Underground oder die generelle Nichtexistenz vorgeworfen wird) gleicht es einer analytischen Wildwasserfahrt. Dankbarerweise aber werden all die üblichen Stromschnellen umschifft: Hier findet sich keine Polemik, keine Esoterik und kein frei assoziierender Essayismus. Jahn-Sudmann bleibt fest auf dem wissenschaftlichen und ökonomischen Boden der Tatsachen und bietet zudem eine Vielzahl interessanter Textbelege und Hinweise auf weiterführende Literatur.

Als einziger Zweifel bleibt natürlich die Frage, ob die hier mühsam ausgegrabenen Beobachtungen nicht schon in fünf Jahren zur Zeitgeschichte degradiert werden könnten, wenn die kulturellen Darstellungstabus weiterhin im Minutentakt purzeln. Bis es jedoch soweit ist, hat man in diesem stolzen Band noch eine hochaktuelle Bestandsaufnahme an der Hand mit souveränen und verwertbaren Auskünften. 1970-01-01 01:00

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