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Filmdämonen

Herbert M. Hurka: Filmdämonen: Nosferatu, das Alien, der Terminator und die anderen. Marburg 2004. Tectum Verlag. 285 Seiten. 25,90 Euro

Dämonisierung ist Arbeit unter Legitimationszwang

Von Stefan Höltgen »Godzilla steht für die Atombombe.« Solche und ähnliche Kinoweisheiten, die Motive und Strukturen von Filmen als Allegorien auf die Wirklichkeit verstehen, gehören zum Standard-Interpretationsinventar des Cineasten. Nur selten jedoch wird die »Allegorese«, aus der diese Aussagen hervorgehen, auch nachvollzogen. Zu eindeutig scheinen die Bilder, als daß deren Zweitbedeutung erst erklärt werden müßte. Doch gerade dieser »Zwischenschritt«, wie ihn Herbert M. Hurka in seinem Buch »Filmdämonen« geht, bietet einige Erhellung darüber, wie die Kodierung von Stereotypen im Kino funktioniert.

Hurka nimmt sich eines ganz besonderen, ja, besonders offensichtlichen Diskurses an, der für etliche Genres schon fast als grundlegend anzusehen ist: »Die Tötung, Exekution und Ausstoßung des Widersachers in einer Gut-Böse-Konstellation: das ist das erfolgreichste Muster des kommerziellen Films. […] Es gibt kein soziales Übel, keine kollektive Angst, für die sich nicht ein kompatibler Filmdämon konstruieren ließe« (Umschlagtext). Hurka belegt diese These an 10 Filmen unterschiedlichster Genres. Seine Reduktion auf speziell dieses Phänomen liefert dabei erstaunliche Erkenntnisse – nicht nur über die Filme sondern auch über die Gesellschaften, in denen sie entstanden.

So destilliert er etwa aus Murnaus »Nosferatu« von 1922 bereits jene Effekte sozialer Angst vor »Seuchen«, die sich die Nazis wenig später in ihrer Propaganda gegen die Juden zunutze gemacht haben. Hier ist es vor allem die Andersartigkeit des Vampirs, der aus den Karpaten in die Mitte der europäischen Gesellschaft eindringt. Das Blut, das Nosferatu zum Leben braucht und den Lebenden raubt, wird von Hurka als Sinnbild des Opfers gedeutet: »Es gibt Hinweise, die nahelegen, daß die kollektive Angst vor dem Widergängertum, der anderen Haupteigenschaft des Vampirs, von Akten der Ausstoßung beziehungsweise der Opferung von Menschen herrührt.« Blutfluß im Vampirfilm wird zum Statthalter archaischer Rituale – die Blutreinigung durch Van Helsing zum Sinnbild jener siegenden medizinischen Vernunft, die später bei den Nazis in Form der »Blutreinheit« pervertiert wird.

Exemplarisch führt Hurka vor, wie die Ausstoßung des Anderen durch dessen Dämonisierung im Film als Narrativ funktioniert: Apocalypse Now, »Freejack«, »Nosferatu«, »Terminator 2«, »Bodyheat«, »Face/Off«, From Dusk Till Dawn, »Alien 4« und die Matrix-Trilogie sind die Beispiele, die er zur Illustration seiner These heranzieht. Jedes seiner Kapitel beruht auf einer ausführlichen Darstellung der Handlung, die teilweise detaillierten Film- und Diskursanalysen vorausgeht. Auf äußerst ansprechende Weise und in einem selten in filmwissenschaftlichen Publikationen anzutreffenden Prosa-Stil erzählt der Pädagoge und Schriftsteller so eine Filmgeschichte der Absonderung und Ausschließung des Fremden durch Dämonisierung. Sein Buch regt an zur Ausweitung der Analysen. Die Methoden und Quellen zur Intellektualisierung des Rezeptionsverhaltens liefert Hurka in seinen Beispielen. 1970-01-01 01:00

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