— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Stoff. Von der Idee zum Drehbuch

Herrmann, Ulrich : Stoff. Von der Idee zum Drehbuch. Frankfurt a.M. 2005. Verlag der Autoren. 303 Seiten. 20,- Euro
Von Kyra Scheurer Im Anfang war der Stoff, und der Stoff war beim Autor. Dann kam das Handbuch. Und dahin ging die Idee, dahin war der Seelenfrieden des Kreativen. Am Regelwerk zerschellt, zwischen Plotpoints aufgerieben, vom archetypischen Helden verschlungen. Dieses neue Buch zum Drehbuchschreiben nun will nichts weniger sein als ein Handbuch – es will mehr sein: ein Anti-Handbuch. Während man sich wundert, schließlich trägt das Buch einen typischen Handbuch-Titel, beginnt man zu hoffen. Denn zu Anfang ist »Stoff« ein guter Stoff und wie jede gute Droge ein Heilsversprechen. Herausgeber Ulrich Herrmann gebärdet sich dementsprechend nicht als »Kleiner Drehbuchtherapeut – in 60 Sekunden zur markttauglichen Story«, er ist tröstender Prediger, wortgewaltiger Anwalt der Autoren.

Gut und neu ist: Zweifel werden beim Namen genannt, für Wildwuchs gibt es Raum, und es wird an die Autoren so geglaubt wie an ihre Geschöpfe, die Figuren. Und er befragt sie selbst, die Autoren – denn bei aller Omnipräsenz des Herausgebers ist dies eigentlich ein Interviewbuch mit den wichtigsten und eigenwilligsten Drehbuchautoren Deutschlands. Die Auswahl ist gut, auch wenn man einige wie Michael Gutmann vermißt, andere wie Thomas Brussig weniger, auch wenn das vielleicht die ärgerliche Übermacht von Autorenfilmern korrigiert hätte. Begreift man diese Sammlung als Steinbruch, finden sich durchaus ermutigende und inspirierende Elemente.

Dennoch folgt erstem Leserausch bald der Hangover: Der »Autorenversteher« Herrmanns nervt, Interviews und Zwischentexte sind oft eitel und redundant, außerdem verrät das Anti-Handbuch sein Konzept. Denn auf einmal finden sie sich doch: überflüssige Randgliederungen, ein Kapitel »Taschenspielertricks« und abschließend sogar Skizzen. Wer Herrmanns Ansatz ernstgenommen hat, fühlt sich verarscht, wer journalistische Interview-Standards gewohnt ist, auch. Vielleicht sollte Herrmann nicht nur Autoren befragen, mit denen er als Dramaturg und Redakteur gearbeitet hat, vielleicht sollte er selbst auf Klammern (alle lachen) verzichten, von denen er beim Drehbuchschreiben abrät. Auf jeden Fall aber sollte er einen dramaturgischen Leitsatz der von ihm viel zitierten Linda Seger beherzigen: »Keep your ego out!« 1970-01-01 01:00

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap