— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Das Lüth-Urteil aus (rechts-)historischer Sicht

Thomas Henne, Arne Riedlinger (Hrsg.): Das Lüth-Urteil aus (rechts-)historischer Sicht. Berlin 2005. Berliner Wissenschafts-Verlag. 592 Seiten. 49,- EUR

Auch von filmgeschichtlichem Interesse

Von Carsten Tritt Die Bedeutung des sogenannten »Lüth-Urteils« für die deutsche Jurisprudenz entspricht etwa derjenigen von »Citizen Kane« für den Film. Seither geistert ein Senatsdirektor Lüth, dem es gestattet ist, zum Boykott des Veit Harlan-Nachkriegsfilms »Unsterbliche Geliebte« aufzurufen, durch die Fachliteratur. Tatsächlich hat dieses Urteil grundlegende Bedeutung, als dort das Bundesverfassungsgericht die Theorie von der »mittelbaren Grundrechtswirkung« entwickelte und die Grundrechte des Grundgesetzes als allgemeine Werteordnung bestimmte; eine heute selbstverständliche Auffassung, in den jungen Jahren der Republik aber eine kleine Revolution.

Während die zweite Hälfte des Buches sich auf die abstrakte Analyse des Urteils und seiner konkreten Folgen beschränkt (und daher für Nichtjuristen nur von begrenztem Interesse sein wird, abgesehen davon, daß vertiefte Allgemeinbildung ja noch nie geschadet haben soll), ist die erste Hälfte des Buches, die die Vorgeschichte darstellt, auch von filmgeschichtlichem Interesse. Die Auseinandersetzungen um Harlan, der wegen seines Films »Jud Süß« strafrechtlich verfolgt werden sollte, wird aufbereitet. Dies ist zuvor schon des öfteren geschehen, jedoch kaum auf derart angemessenem Niveau.

Neben einem Essay des Oberstaatsanwaltes a.D. Dietrich Kuhlbrodt über Harlans Filme und den Umgang hiermit – Kuhlbrodt äußert sich u.a. zurecht sehr kritisch zur Giftschrank-Politik der Murnau-Stiftung als Rechteinhaberin von »Jud Süß« – überzeugen vor allem die Texte von Liebert und Riedlinger, die in analytischer Wiedergabe die Entwicklung von 1945 bis 1958 aufarbeiten. Liebert und Riedlinger stellen politische und gesellschaftliche Hintergründe dar, wobei nicht nur Harlan, sondern auch die frühe deutsche Demokratie beim Versuch der Auseinandersetzung mit der eigenen NS-Vergangenheit in einem wenig schmeichelhaften Licht erscheint.

Ergänzt wird das Buch um eine umfangreiche Quellensammlung, die einige bisher nur in Archiven einsehbare Dokumente veröffentlicht, so auch (gekürzt) die beiden landgerichtlichen Freisprüche Harlans. 1970-01-01 01:00

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap