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Der Tschechow-Clan

Renata Helker / Claudia Lenssen: Der Tschechow-Clan. Geschichte einer deutsch-russischen Künstlerfamilie. Berlin 2001. Parthas. 256 S. 30,- EUR
Von Frank Brenner Man erkennt schon an den Namen, daß Anton Tschechow und Olga Tschechowa etwas miteinander zu tun haben könnten. Und so war denn auch Tschechow, der große russische Dichter und Verfasser von Werken wie »Die Möwe«, der Onkel von Olga Tschechowa, die im Kaukasus geboren wurde und im frühen deutschen Tonfilm zur Grande Dame der Schauspielerinnen aufstieg.

Doch den Tschechow-Clan auf diese simple Verbindung zu reduzieren, würde der ausufernden Recherche-Arbeit der Filmwissenschaftlerinnen Renata Helker und Claudia Lenssen kaum gerecht werden. Beiden Autorinnen merkt man ihre langjährige Leidenschaft für die Tschechowa und ihre große Künstlerfamilie an. Das Aufstöbern von Dokumenten und die Auswertung von Olga Tschechowas Nachlaß führte zur Gründung des Privatarchivs Knipper/Tschechowa, das die Eigentümerin Renata Helker als Grundlage für diese Familienbiographie nutzte.

Neben den bereits erwähnten beiden Mitgliedern gehörten zu dem Künstlerclan noch Olga Knipper-Tschechowa, Antons Frau und eine der prominentesten russischen Bühnenschauspielerinnen, Michail Chekov, Antons Neffe und Theatertheoretiker, der das Actor's Studio um Elia Kazan und Lee Strasberg nachhaltig beeinflußte, und Vera Tschechowa, Olgas Enkelin und bekannte Nachkriegsschauspielerin in Film und Fernsehen. Hinzu kommen einige weitere Familienmitglieder wie Marina Ried sowie Nikolaus und Vadim Glowna.

Helker und Lenssen haben sich zum Ziel gesetzt, das Leben all dieser Kunstschaffenden nachzuzeichnen und stützen sich dabei auf eine Vielzahl zeitgeschichtlicher Dokumente, die nahezu alle erwähnten Fakten akribisch belegen. Ihren Schwerpunkt setzen sie auf das Wirken Olga Tschechowas, die nach ihrer Filmkarriere eine ebenso erfolgreiche Kosmetikfirma gründete, als Regisseurin und Filmproduzentin arbeitete und in Berlin ein matriarchales Lebensmodell zelebrierte.

Es ist nicht einfach, das Lebenswerk von einem guten Dutzend Personen zufriedenstellend in einem Buch zu schildern. Das Ergebnis der beiden Autorinnen kann sich jedenfalls sehen lassen. Mit einem einigermaßen chronologischen Grundgerüst hangeln sie sich durch 150 Jahre, konzentrieren sich in den einzelnen Kapiteln auf unterschiedliche Familienmitglieder oder größere thematische Zusammenhänge. Daß es dabei dann innerhalb der Chronologie zu Vor- und Rückgriffen kommt, läßt sich wohl nicht vermeiden. Die geleistete Recherche-Arbeit verdient zweifellos Respekt, zumal die Verfasserinnen auch kritische Stellungnahmen nicht unterdrücken, so z.B. zu Olga Tschechowas Funktion innerhalb des Dritten Reiches.

Was man bei der Lektüre allerdings schwer vermißt, ist ein Stammbaum, der einem in einer Familie mit zwei Olgas, zwei Michaels und zwei Adas doch nützliche Dienste hätte leisten können. Eine Werkübersicht der erwähnten Personen fehlt leider ebenfalls, doch das hätte sicherlich den angestrebten Rahmen gesprengt. 1970-01-01 01:00

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