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Dogma 95

Jana Hallberg, Alexander Wewerka (Hg.) Dogma 95. Zwischen Kontrolle und Chaos. Berlin 2001. Alexander Verlag. 453 S.
Von Mark Stöhr Am Ende des Keuschheitsgelübdes von Dogma 95 heißt es: »Ich höre auf, ein Künstler zu sein« . »Dito«, würde darauf der Filmkritiker Georg Seeßlen erwidern, ist die zentrale These seines Textes im von Jana Hallberg und Alexander Wewerka herausgegebenen Buch doch, Dogma 95 sei eine reaktionäre Bewegung von Filmemachern, die mit dem Austreiben spezifisch filmischer Möglichkeiten das »negieren, was etwa Jean-Luc Godard dem Filmbild als neue Freiheit eroberte«, die landläufige Essenz von »Filmkunst« schlechthin also. Und er wird noch fieser: Die Filmbrüder von Dogma 95 betrieben »psychologischen Realismus«, was, wie man im Anhang, wo die zentralen Manifeste der Filmgeschichte versammelt sind, nachlesen kann, ein zentraler Anklagepunkt der »Nouvelle Vague« gegen das von ihr so verhaßte »Cinéma de qualité« ist.

Die französischen Autorenfilmer der 60er aber wiederum sind die Verkörperung des absolut Bösen in den Augen der Dogmatiker, weil deren Begriff des »Auteur« von Anfang an »bürgerliche Romantik« gewesen sei. Da ist man dann schon wieder ganz am Anfang des vorliegenden Textsamplers, und Deleuze hätte sich die Hände gerieben angesichts solcher rhizomatischer Strukturen.
Aus der Tiefe des polemischen Lärmens erhebt sich bald die besonnene Stimme Peter Schepelerns: Dogma 95 sei doch nur ein »ironisches Experiment«, eine »Triersche Extravaganz«, beruhigt er, um dann im nächsten Satz die dogmatische Selbstbeschränkung als »Durchbruch zu einem neuen künstlerischen Denken« zu feiern. Nun weiß man gar nicht mehr, wem und was man glauben soll, und das ist die große Qualität dieses Buches.

Natürlich kommen auch die Protagonisten von Dogma 95 selbst zu Wort, in ausführlichen Interviews, Dreh- oder Tagebüchern, darüberhinaus sind alle bislang unter dem Label Dogma 95 entstandenen Filme dokumentiert – ein Buch für die ganze Familie sozusagen.

Lars von Trier, sagt man übrigens, produziere nun auch Pornofilme unter dem Firmennamen »Puzzy Power«. Da blättert man doch ein letztes Mal in den Anhang zu François Truffaut, wo es so schön heißt: »Der Film von morgen wird ein Akt der Liebe sein.« Wem wäre es da noch bang um die Zukunft des europäischen Kinos? 1970-01-01 01:00

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