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Die Spur durch den Spiegel

Malte Hagener, Johann N. Schmidt, Michael Wedel (Hg.): Die Spur durch den Spiegel. Der Film in der Kultur der Moderne. Berlin 2004. Bertz Verlag. 447 S.
Von Mark Stöhr Einer hat Geburtstag, und alle bringen Kuchen mit. So muß es sein. Im Fall von Thomas Elsaesser, der letztes Jahr seinen 60. Geburtstag feierte, griffen 32 Kollegen der Filmwissenschaft zur Tastatur oder in die Schublade und leisteten ihren Beitrag zu einem Reader über den Film und seine Rolle in der Kultur der Moderne. Denn nichts weniger will dieses Buch sein: eine umfassende Bestandsaufnahme der Imaginationen und Konfigurationen des Films in den über hundert Jahren seiner Geschichte, seiner Spiegelungen und Verortungen in der Schnittmenge zwischen Kunst, Industrie und Politik – kurzum: des Films als Motor und Manufaktur der Moderne zugleich.
Der Holländer Elsaesser hat sich hierzulande insbesondere durch seine Arbeiten zum deutschen Film erhebliche Verdienste erworben. Ob in seinen Büchern zum Weimarer Kino oder zu Fritz Langs »Metropolis«, zu Rainer Werner Fassbinder oder zum Neuen Deutschen Film: Immer geht es ihm um das Wechselverhältnis zwischen Fiktion und Historiographie, zwischen Ästhetik und Politik, darum, daß »Filmgeschichte mehr ist als die Geschichte der Filme«.

Die Autoren des vorliegenden Sammelbandes – von u.a. Christa Blümlinger, Slavoj Zizek und Knut Hickethier über Klaus Kreimeier, Siegfried Zielinski und Christine N. Brinckmann bis David Bordwell und Gertrud Koch – bewegen sich im breiten thematischen und theoretischen Kosmos Elsaessers und erweitern ihn auf den Fluchtlinien, die in ihm angelegt sind. Sie beschreiben das Kino als Raum, in dem die ästhetische Erfahrung der Moderne ihre Rahmung und ihr kulturelles Gepräge erhalten hat, und als Traumafabrik, in dem die Dilemmata von Krieg, Diktatur und Genozid verhandelt wurden. Ein Parforceritt durch die Filmgeschichte und ihre Genres: Vom frühen holländischen Non-Fiction-Film mit seinen folkloristischen Stereotypen über das monumentale italienische Historiendrama bis zum deutschen Autorenkino. Selbst eine Gebrauchskunst im besten taktilen Sinne wie die Pornographie erfährt ihre Würdigung, deren Bildphantasien und Inszenierungsstrategien minutiös auf ihre Vorgängerformen in Literatur, bildender Kunst und Fotographie zurückverfolgt werden.

Das Buch legt mannigfaltige »Spuren durch den Spiegel«, der das Innen und Außen der Kinematographie verbindet. In Jean Cocteaus »Orphée« ist der Spiegel die Pforte zum Schattenreich: Das Kino ist der lange Schatten der Welt, und wir sind seine Schattenfiguren. 1970-01-01 01:00

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