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Adel verpflichtet

Alec Guinness: Adel verpflichtet – Tagebuch eines noblen Schauspielers. Berlin 1998. Henschel Verlag. 224 S.
Von Nikolaj Nikitin Ich muß beschämt gestehen, ich hätte mein gesamtes Hab und Gut darauf verwettet, daß Sir Alec Guinness tot ist. Aber mal ehrlich, wie viele von Ihnen hätten mitgewettet? War es Guinness' angeblich letzte mysteriöse Gastrolle in »Mute Witness« oder das »Star Wars«-Fort-, bzw. Vorsetzungsgelaber um die Blue Screen-Aufnahmen, die es mich glauben ließen? Aber: Totgeglaubte leben und schreiben gar länger.

Tagebuch führen? Eine Entscheidung für's Leben! Sicherlich eine große Hilfe bei der Rekonstruktion vergangener Zeiten, aber auch ein Riesenaufwand. Tagebuch eines Kritikers? Was für eine Horrorvorstellung. Tagebuch eines Regisseurs? Oft faszinierend. Tagebuch eines Schauspielers? Eitles Geschwätz! Nicht jedoch, wenn es sich um einen noblen, einen wirklich noblen Schauspieler handelt und nicht nur um den Untertitel des hier vorzustellenden Werkes – ach, denken Sie sich, endlich kommt der zum.

Neujahr 1995 setzt Sir Alec mit seinem Tagebuch an und gibt uns die Möglichkeit und vor allem die Freude, ihn bis Juni 1996 zu begleiten und an seinem Leben teilhaben zu lassen. Nicht jeden Tag, aber im Schnitt (kriege einen Heiermann für jedes Unterbringen) zweimal in der Woche teilt sich Guinness mit. Dabei handelt es sich um äußerst amüsante Alltagsbemerkungen: kulinarische Leckerbissen, einen Blick auf seine Füße, seine Wünsche: »Ich sehne mich von ganzem Herzen nach zwölf Monaten, in denen kein Politiker das Wort klar benutzt, um einen Sachverhalt zu beschreiben, der ganz offensichtlich völlig verschwommen und unverständlich ist«, das Verscheiden seiner Freunde, Äußerungen seiner Mitmenschen, seiner Frau Merula, seine Einkäufe (ein wirklich Nobler tut das bei Miyake), aber auch die »Branche« bleibt nicht verschont. Sein Sprachstil ist kokett, poetisch, spielerisch, wortgewandt und vor allem immer wieder sarkastisch, eben all das, was den »britsh humor« ausmacht.

Einleitend äußert John le Carré, dessen Romanfigur Smiley Alec Guinness in der britischen TV-Serie verkörperte, einige herzenswarme Worte. Einziger Schönheitsfehler dieser erfrischenden Lektüre, deren Konsum eine wahre Wonne bietet, ist das anhängige, zwar recht vollständige, jedoch weder kommentierte noch bebilderte Register. 1970-01-01 01:00

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