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Unter Verdacht

Boris Groys: Unter Verdacht. Eine Phänomenologie der Medien. München 2000. Hanser. 232 S.
Von Fritz Göttler Ein Gespenst geht um in diesem Buch, das geheimnisvolle, unsichtbare Subjekt, das wir hinter vielen Erscheinungen unserer Tauschgesellschaft, unserer Medienwelt vermuten – in welcher Form auch immer. Boris Groys gibt Hinweise, wie man ihm auf die Spur kommen könnte, und was sich dabei verändert mit uns und der Welt. Ein eigentümlich beharrliches Buch, es entwickelt jenen angenehmen Nachdruck, jenen sanften Suspense, dem man sich gern aussetzt in den Filmen von Hitchcock oder Lubitsch.

1) Der Mensch ist ein Verdacht. Sich selbst und den anderen ein Fremder, suspekt, der Alien. Die Urszene finden wir deshalb bei Ridley Scott – im gleichnamigen Film, jener Moment, wenn das kleine Monster durch die Bauchdecke seines Wirtskörpers stößt. »Der Mensch ist bloß ein Verdacht, der im Innern einer besonderen Lebensform als ein besonders gefährliches und bedrohliches Subjekt haust.«

Wir nähren Aliens in uns, das ist für Groys die Quintessenz der postmodernen Erkenntnis. Wir wissen nicht, was in uns geschieht, wir sind nicht Herr im eigenen Haus, das unser Körper ist, das als unser Bewußtsein, als unsere Identität galt. Mißtrauen ist angebracht, immerwährender Verdacht. Am Anfang war nie das Sprechenwollen, sondern Verschweigen, am Ende bleibt kein Subjekt, nur der submediale Raum.

Aufrichtigkeit ist nichts, was der Andere herstellt, wir selbst, die Beobachter entscheiden über die Momente der Entlarvung und Demaskierung. Das Subjekt als Ort von Manipulation, Verschwörung, Intrige – es klingt nach medientheoretischer Paranoia, aber es ist vielleicht die letzte große Erzählung des vorigen Jahrhunderts. Boris Groys mildert die Schrecken, die Kälte, die einen erstarren läßt in manchen der Texte von Foucault oder Derrida, die Einsamkeit, die einen manchmal in seiner Kinoabgeschlossenheit befällt, wenn man nach Zeichen ausschaut, auf Signale horcht.

2) Die Wahrheit braucht den Ausnahmezustand, das führt zur Frage von Kunst und Aufrichtigkeit, zur Praxis der Avantgarde, in der der Künstler Einblicke gewährt in den submedialen Raum. Man liest die Passagen – Der Ausnahmefall und die Wahrheit des Medialen – mit Unbehagen in diesen Tagen – der Hohn klingt einem noch im Ohr der anderen Medien, anläßlich jenes Konzeptjournalismus, in dem ein eigentlich wichtiger, neuer Umgang mit Fiktionen eine eigentümliche Perversion erfahren hat.

Groys hat auch hier Trost parat, geht an die Ursprünge zurück. Im Phantasma des Ernstfalls, der Einsicht in das Innere gewährt, das üblicherweise unter der Zeichenschicht der unaufrichtigen Konventionen verborgen bleibt, kündigt sich eine tiefe Verbindung zwischen Ästhetik, Aufrichtigkeit und Gewalt an, die vor allem für die künstlerische Moderne von zentraler Bedeutung und in der Ökonomie des Verdachts begründet ist. Die Welt muß zum Geständnis gezwungen werden, damit sie ihr Inneres zeigt – der Künstler muß zunächst einmal das Äußere mit Gewalt reduzieren, zerstören, entfernen, um das Innere freizulegen.«

Hier, an den Ursprüngen. begegnen wir wieder Marshall McLuhan mit seinem »Das Medium ist die Message« – Groys führt den Satz zurück in seinen ursprünglichen Kontext, in seinen Bezug auf den heilsamen Ikonoklasmus des Kubismus.

3) Am Ende die (Wieder-)Begegnung mit den Theoretikern des gesellschaftlichen, des semiotischen Tausches, Marcel Mauss und Lévi-Strauss, Derrida und Lyotard. Und Georges Bataille, dem Sinnen-König der Semiose, der die Sonnenenergie feiert, die Verschwendung, den Krieg, das Ende der traditionellen (Sinn-)Ökonomie fordert. »Der Überfluß an Sonnenergie produziert vielmehr den ständigen Verlust der kulturellen Werte, der Texte, der Traditionen und der auktorialen Botschaften. Aber wenn der Inhalt der Botschaft auch beunruhigend ist, wirkt allein die Möglichkeit, die Botschaft des Mediums zu verkünden, zumindest auf den Botschafter selbst durchaus beruhigend.« Drei Momente der Beschäftigung, der Annäherung an die Phänomenologie der Medien des Boris Groys. Drei Kontaktleute, denen man sich gerne anvertraut – Scott, McLuhan, Bataille. Am Ende hat Boris Groys einem suspekten Wort – Verdacht! – seine Unschuld wiedergegeben. Und wir träumen von einem Gastauftritt von Derrida auf dem Kommandostand der Nostromo. 1970-01-01 01:00

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