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Traum und Trauma in Schwarz-Weiß

Lisa Gotto: Traum und Trauma in Schwarz-Weiß. Ethnische Grenzgänge im amerikanischen Film. Konstanz 2006. UVK. 372 Seiten. 34,- Euro
Von Silke Roesler Lisa Gotto beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit der Thematisierung und Visualisierung von Schwarz-Weiß im US-amerikanischen Film. Im Zentrum der Untersuchung steht dabei die Frage nach einer komplexen Grenzüberschreitung, die sich über und mit der ethnischen Transgression auch auf die visuelle Wahrnehmung überträgt. Die Auseinandersetzung mit der ethnischen Identität ist zweifellos eng an Prozesse des Sehens und Erkennens gebunden. Das (audio-)visuelle Medium Film bietet sich zur Be- und Verarbeitung von Identitätsdiskursen an, macht es doch Dinge des zum Teil Verborgenen sichtbar. Durch das Mittel der Filmanalyse gelingt Gotto so die Verlagerung des Blutdiskurses auf die Visualisierung der Physiognomie. Das kinematographische Medium wird dabei also als ein »Verhandlungsraum der Positionen von Selbst und Anderem begriffen«. Als eine ambivalente Figur der Diffusion präsentiert nun jedoch der ethnische Mischling, so die Autorin, nicht nur die Durchkreuzung von Innen und Außen, sondern auch die Durchquerung eines auf den Blick konzentrierten Identifikationssystems. An diesem Chiasmus setzt Gottos Arbeit an.

Folgende Filme werden drei historischen Schritten sowie inhaltlichen Themenschwerpunkten entsprechend untersucht: In »The Birth of a Nation« (David Wark Griffith, 1915) und »The Symbol of the Unconquered« (Oscar Micheaux, 1920) geht es filmhistorisch um die Selbstbehauptung des Films als eines diskursiven symbolischen Systems. Während »The Birth of a Nation« die Aufhebung ethnischer Eindeutigkeit skizziert, in der die Diffusion bipolarer Raster als Metapher der Bedrohung fungiert, wird in »The Symbol of the Unconquered« sowohl das Schwarze als auch das Weiße von Gotto als etwas Performatives entlarvt. Als eine Hülle, die an- und wieder abgelegt werden kann.

»Imitation of Life« (Douglas Sirk, 1959) und »Shadows« (John Cassavetes, 1959) fokussieren dagegen in der Phase der Modernisierung des Films eine Differenzierung zwischen Fremd- und Selbstreferenz des Films. In »Imitation of Life« bilden Nachahmung und Täuschung bzw. Imitation und Artifizialität den Grundtenor des Films. Die Identifikationsdiffusion beruht hier auf der Diskrepanz zwischen Rollenerwartung und Rollenerfüllung. Identität wird im Film zudem nicht als körperliche Essenz vorausgesetzt, sondern von Gotto als darstellerische Praxis herausgearbeitet. »Shadows« zeigt daraufhin den Körper als eine ästhetische Konfiguration, in der die Haut als Empfindungsorgan eine zentrale Rolle innerhalb der Suche nach dem Selbst einnimmt.

Abschließend stellen »Bamboozled« (Spike Lee, 2001) und The Human Stain (Robert Benton, 2003) als Filme der Jahrtausendwende ihre eigene Gewordenheit und Gemachtheit als kulturelle Praxis in Frage. In »Bamboozled« erkennt Gotto eine »Hyperbolisierung der Schwärze«. Als Referenzpunkt der rassistischen Kultur wird auf erschreckende Weise der Tod herausgearbeitet. Im Zentrum von The Human Stain steht der Versuch einer radikalen Selbst-Transformation des Protagonisten Coleman Silk.

Allen Filmen ist gemeinsam, daß Rassengrenzen herausgefordert und in Frage gestellt werden. Die Filme werden zudem allesamt, und darin liegt der besondere Wert der Arbeit, in Bezug auf die Frage nach den medialen Bedingungen des ethnischen Grenzgangs untersucht. Besonders hervorzuheben ist daher, daß selten zuvor eine Co-Lektüre zwischen Filmtechnik und Narration so herausragend geglückt ist wie in »Traum und Trauma in Schwarz-Weiß«. Die Verfasserin ebnet geradezu den Weg von einer traditionellen Filmwissenschaft zu einer medienwissenschaftlich gewendeten Auffassung des Filmmaterials. Besonders geschickt gelingt Gotto dieser Spagat, wenn sie in »Bamboozled« die Körperbewegung beim Steptanz auf das bewegte Bild des Films bzw. die Bewegung beim Bildtransport bezieht. Oder aber wenn sie in »The Human Stain« die Belichtungstechnik des filmischen Mediums (das Licht als conditio sine qua non des Films) mit der weißen Hautfarbe ihrer dramatis personae korrespondieren oder aber auch korrelieren läßt.

Gotto gelingt eine vielschichtige Arbeit, in der auch umfangreiche Informationen zu kulturhistorischen Einzelaspekten ihres Themas den wißbegierigen Leser befriedigen. Es entsteht ein komplexes System anregender inner- sowie außerfilmischer Diskursräume. Außerdem verschwendet die Autorin keine unnötigen Zeilen für inhaltliche Hinführungen, sondern spitzt ihre Gedanken auf den sie interessierenden Fokus des Schwarz-Weißen sowohl sprachlich äußerst geschickt als auch filmtechnisch auf hohem Niveau analysierend zu.

Lisa Gotto ist ein Glanzstück im Dunkel des filmisch verhandelten Rassendiskurses gelungen. Gotto zeigt, daß der Film neben technischen und inhaltlichen Aspekten, die zweifellos zur Formation des Schwarz-Weiß-Gegensatzes beigetragen haben, selbst im Netz rassistischer Verstrickungen eingefangen ist. Philip Roths einleitend angeführten Worte hallen beklemmend bis zur letzten Zeile nach: »Afraid of being exposed, dying to be seen – there’s a dilemma for you.« 1970-01-01 01:00

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