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Hitlerjunge Quex, Jud Süß und Kolberg

Rolf Giesen, Manfred Hobsch: Hitlerjunge Quex, Jud Süß und Kolberg. Die Propagandafilme des Dritten Reiches. Berlin 2005. Schwarzkopf & Schwarzkopf. 501 Seiten. 49,90 Euro

Umfangreiche Ergänzung

Von Gerd Naumann Bücher über den Nationalsozialismus gibt es viele, und auch in der Filmliteratur wächst die Auswahl an dementsprechender Literatur. In die Reihe der Standardwerke könnte sich nun ein weiteres Buch eingliedern, das vom Autorenduo Rolf Giesen und Manfred Hobsch geschrieben wurde. »Was wir vorgenommen haben, ist eine Dokument- und Materialsammlung«, so der Filmjournalist Rolf Giesen. »Dieses Buch ist eine zusätzliche Informationsquelle, die man benutzen kann, wenn man zu anderen Büchern greift. Wir wollen die anderen Bücher nicht ersetzen.« Bisherige Literatur zum Thema konzentrierte sich vor allem auf die großen Zusammenhänge. Beispielsweise war es der Verdienst des Autorengespanns Courtade und Cardars mit ihrer »Geschichte des Films im Dritten Reich«, eine umfassende Darstellung des Filmschaffens vom Beginn der nationalsozialistischen Umtriebe bis hin zum Kriegsende im Jahre 1945 beschrieben zu haben. In jüngerer Zeit erschienen vermehrt Bücher, die sich dem Thema in persönlicher und vor allem auch biographischer Form annäherten. So schilderte zum Beispiel Friedrich Knilli in dem 2001 erschienenen »Ich war Jud Süß« die Lebensgeschichte des Darstellers Ferdinand Marian.

Nun also gibt es das Buch »Hitlerjunge Quex, Jud Süß und Kolberg«, das exemplarisch gleich drei der umstrittensten Filme im Titel führt. Es basiert im Wesentlichen auf Archivmaterial aus dem Filmmuseum Berlin. Anhand authentischer, teilweise bisher unveröffentlichter Bilder und Dokumente erhält der Leser hier die Gelegenheit, sich direkt mit dem originalen Material auseinanderzusetzen. Hilfestellung gibt es durch begleitende Texte, die den damaligen unverhohlen nationalsozialistischen Impetus der zeitgenössischen Rezensionen immer wieder vor Augen halten. Es existiert, so Giesen, »eine gewisse Furcht, wenn man Bilder aus der Zeit zeigt und sie kommentiert«, denn als Betrachter stoße man dabei auch »immer wieder auf Faszination«. Es ist ein besonderer Vorteil des Buches, daß es dem Leser nicht durch eine aufdringliche und daher umso oberflächlichere Bewertung das Urteil über manche der dargestellten Produktionen vorgefertigt präsentiert.

Vielmehr stellt sich beim Blättern in dem etwa 500 Seiten starken, reich bebilderten Buch ein gewisses Unbehagen ein. Abgehandelt werden nämlich nicht nur Produktionen, über deren nationalsozialistische Absichten breiter Konsens herrscht. Es sind vielmehr jene Filme, denen man auch heute noch in diversen Fernsehausstrahlungen begegnet, über deren Hintergründe hier informiert wird. Anhand der zeitgenössischen Besprechungen wird deutlich, daß selbst der scheinbar harmloseste Unterhaltungsfilm unterschwellig ein Gesellschaftsbild bediente, das sich der Opfermystik der Nationalsozialisten unterordnete.

Den Anfang machten eindeutig propagandistische Filme, die jedoch an den Kinokassen nur mäßigen Erfolg hatten. Mit dem Reichslichtspielgesetz wurde kurze Zeit später auch die Filmindustrie gleichgeschaltet und der Weg für eindeutig antisemitische Filme war geebnet. Hierfür zeichneten sich besonders Regisseure und Darsteller verantwortlich, die bereits vor 1933 in der NSDAP waren. Diese Produktionen waren aber, im Vergleich zum jährlichen Filmausstoß, in der Minderheit. Es dominierten überwiegend seichte Schlagerfilme und Komödien, denen der bereits erwähnte bittere Beigeschmack schon aufgrund ihrer Entstehungszeit anhaftet.

Was aber war ein faschistischer Film, wenn es mehrere Möglichkeiten der Filmindustrie gab, ihre Botschaften zu verpacken? »Das ist eine schwierige Frage«, so Giesen, »es gibt eine faschistische Ideologie, aber wie konkret war die Ideologie des Nationalsozialismus? Was die Rassenpolitik betrifft war sie sehr eindeutig, ansonsten war es eine eher bürgerliche Politik, die gegen etwas gerichtet war. Sie war gegen die Sowjetunion, gegen das westliche Ausland. Wenn sie für etwas war, dann für Militarismus und für alte Werte, aber es ist keine eindeutig umrissene Ideologie. Das bedeutet, daß auch die Filmemacher Probleme hatten zu sagen, was ein nationalsozialistischer Film ist.« Eine konkrete Einflußnahme auf die Filmemacher war Ende der 30er Jahre in Vorbereitung. Es sollte eine Deutsche Filmakademie gegründet werden, die den Nachwuchs schon von Beginn an in die nationalsozialistische Geschichtsauffassung einführen sollte.

»Hitlerjunge Quex, Jud Süß und Kolberg« verdient Anerkennung, denn es verschafft denjenigen, die sich bisher noch nicht eingehender mit dem Propagandafilm des Dritten Reichs beschäftigen konnten, einen lebendigen und produktiven Einstieg. Wer dieses Buch gelesen hat, der will mehr wissen. Wer bereits über Vorkenntnisse verfügt, der wird die Fülle des Materials und dessen akribische Zusammenstellung nützlich finden. Eine wertvolle Ergänzung stellt auch der umfangreiche Anhang dar. Hier finden sich neben einer Auswahl an zeitgenössischen Kurzfilmen auch biographische Daten zu den wichtigsten Hauptakteuren des nationalsozialistischen Films. 1970-01-01 01:00

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