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Filmgenres: Animationsfilm

Andreas Friedrich (Hg.): Filmgenres: Animationsfilm. Reclam Verlag. Stuttgart 2007. 371 Seiten. 8,40 Euro.
Von Sven Jachmann Das schöne an den kleinen gelben Büchern der Reclam-Reihe ist, daß man in den Texten zum Kanon-Angebot einen Pluralismus walten läßt, der (relativ) eindrucksvoll die Bandbreite der Textsorte Filmkritik illustriert; daß überhaupt der Filmkritik eine erkenntnisstiftende Funktion zugesprochen wird, die es zu archivieren gilt; daß vorwiegend Nachwuchsautoren neben arrivierten Namen Platz eingeräumt wird und daß natürlich jeder Versuch der Kanonisierung Einwände provoziert, die wiederum der Verständigung über das Genre selbst einen hilfreichen Dienst leisten. In diesem Sinne verhält es sich mit der vorliegenden Ausgabe nicht anders, und alle vier Punkte dürfen als erfüllt angesehen werden.

Das Aufbauprinzip dürfte mit Erscheinen des nunmehr neunten Bandes bekannt sein: einem einleitenden Text, in dem Geschichte, Motive, Topoi, Themen des Gegenstandes, kurz: die genrespezifischen Grundpfeiler erläutert werden, folgen sodann die Kritiken und Analysen einzelner Werke (in diesem Fall 56 an der Zahl), an deren Ende stets (mehr oder weniger) brauchbare Literaturhinweise zur differenzierteren Vertiefung einladen. Und weil insbesondere der Animationsfilm produktionsgeschichtlich nicht bloß durch seine abendfüllenden Werke erschlossen werden kann, bieten kurze Aufsätze, die chronologisch zwischengeschaltet sind, einen tieferen Einblick in die Geschichte der Animations-Kurzfilme. Der »Special Focus« hebt hierin nochmals die besondere Wirkung herausragender Filmschaffender hervor.

Das ist einleuchtend und ganz sicher kein Grund zum Mäkeln. Den bietet naturgemäß eher die Filmauswahl. Warum der japanische »Tokyo Godfathers« dem Meisterwerk »Perfect Blue« desselben Regisseurs vorgezogen wird, weiß ich nicht. Der Kritik zufolge sei er als »einziges Großzitat« zu verstehen, zusammengehalten durch unterschiedlichste Genrebezüge westlicher Provenienz, aus deren Vorhandensein vor allem die »internationalen Vermarktungschancen« sprechen, eben »ökonomische(s) Kalkül.« Und da er die erste japanische Zeichentrickproduktion sei, die sich »an genuin amerikanischen Spielfilmmustern« abarbeite, war er vermutlich für die Aufnahme in diesen Band prädestiniert, als ein negatives Beispiel dafür, inwiefern sich bestimmte nationale Erzählstrategien einem internationalen Markt andienen. Daß gleiches auch schon von »Perfect Blue«, wenn auch wesentlich gelungener, zu behaupten wäre, ist das eine. Daß derart produktionsspezifische Blickwinkel Einzug in die Kritik erhalten, um bestimmte Entwicklungstrends ausfindig zu machen, das andere und hängt vielleicht indirekt mit dem problematischen Versuch von Herausgeber Andreas Friedrich zusammen, in der Einleitung eine Gattung als Genre zu bestimmen. Demnach gehe es im Animationsfilm darum, »unbelebte Objekte scheinbar in Bewegung zu versetzen« und weil dies, im Gegensatz zum Realfilm Frame by Frame erfolgt, lasse sich in der Animation jede beliebige Bilderfolge miteinander verknüpfen, was lediglich von den fantasiearmen Anteilen der kreativen Freiheit beschränkt würde. Dadurch interpretiere und bereichere der Animationsfilm die Wirklichkeit.

So lautet der definitorische Rahmen. Angereichert wird er mit einen Blick auf Disney (der anthropomorphisiert und monopolisiert) bzw. nach Japan (dort wird fabuliert und auch koitiert und dann alles von Disney aufgekauft), auf die Formvielfalt der Kurzfilme, auf den Unterschied zwischen Filmtrick und Trickfilm (hier wird realer Bildinhalt mit künstlichen Mitteln erweitert, dort ist alles synthetisch), auf komplett am Rechner erzeugte Filme und auf die digitalen Technologien und ihre Handhabbarkeit auch für Laien (diese seien eine ambivalente Angelegenheit, weil neben Talenten auch Dilettanten sich an ihnen vergnügen). Der problematische Kern der Definition wird also redundant (und gelegentlich auch idiosynkratisch) umschifft. Denn was sie veranschlagt, kann mittlerweile auch vom Filmtrick größtenteils geleistet werden. So wie sich das Genre in allen Gattungen zuhause fühlt, kann die Gattung nicht durch unterschiedliche Figurenkonstellationen, Stoffe und Themen, geographische Lokalisierungen und dergleichen mehr ihre Demarkationslinie setzen. Der Genrebegriff mag problematisch sein, weil er typologisch zu erfassen versucht, was durch Vielfalt immer wieder aufs neue widerlegt wird, und ist deshalb gezwungen, sich diesem Wandel immer wieder aufs neue anzupassen. Der darstellerische Modus indes ist statisch, ob simuliert oder mit der Kamera in einem Durchgang aufgenommen. Auch wenn ein Gattungsmerkmal ganz einfach zum Genrespezifikum deklariert wird, ändert sich an diesem Sachverhalt erst mal nichts, und das wird auch der Grund sein, warum in der Filmgenre-Reihe der Spielfilm bisher keine Ankündigung erfuhr. Wenn also ein Film Aufnahme in den Kanon findet, von dem keinerlei nennenswerte Impulse für das Genre ausgingen, an dem sich allenfalls ablesen läßt, daß die Märkte zusammenwachsen, dann wäre im leider ausgebliebenen Erotikfilm-Band ein Eintrag zu »The Glamorous Life of Sachiko Hanai« nur recht und billig. Aber da hat das Genre sicher noch ein Wörtchen mitzureden. 1970-01-01 01:00

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