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Jean Eustache

Freunde der Deutschen Kinemathek (Hg.), Hans-Joachim Fetzer, Birgit Kohler (Red.): Jean Eustache. Texte und Dokumente. Berlin 2005. 182 Seiten. 12,- Euro (zu beziehen bei den Freunden der Deutschen Kinemathek Berlin).

Ästhetik und Ökonomie

Von Thomas Warnecke Vor fast einem Vierteljahrhundert nahm sich Jean Eustache das Leben; erst jetzt, im April dieses Jahres, gab es in Berlin die Gelegenheit, alle seine zwölf Filme im Rahmen einer Retrospektive der Deutschen Kinemathek zu sehen. Bekannt ist hierzulande allenfalls »La Mamman et la putain« von 1973, ein Meisterwerk, mit dem Eustache die Nouvelle vague beendete, persiflierte und, wie man so sagt, krönte. Fast vier Stunden Dialoge, aufgenommen an wenigen wechselnden Schauplätzen – »das französische Kino war immer ein redseliges«, schreibt Susanne Vincenz. Außerhalb Frankreichs galt die Vorliebe für das gesprochene Wort oft als etwas zweitrangiges filmisches Mittel, als »unfilmisch« gar, während sich mit dem Aufkommen des Tonfilms Regisseure wie Sacha Guitry oder Marcel Pagnol während der Aufnahmen, anstatt ihren Darstellern zuzusehen, lieber in die Kabine des Toningenieurs verzogen: Wenn es für das Mikrophon gut ist, muß es auch für die Kamera gut sein, lautete Pagnols Theorie (nachzulesen bei Truffaut; um es zuzuspitzen: In Frankreich hat man mit Filmen eigentlich erst angefangen, als der Tonfilm erfunden war, in Deutschland dagegen aufgehört).

Bei Eustache spielt sich in der Sprache das eigentliche Leben der Protagonisten ab, »La vie imaginaire«, wie Vincenz ihren Aufsatz überschreibt, eine von der Handlung unabhängige Existenz. Das geht zusammen mit dem Bestreben Eustaches, als Autor hinter seinen Fiktionen zu verschwinden, und hat ihn den Weg zu einem radikalen Minimalismus der filmischen Mittel wählen lassen, zurück zu Lumière. »Numéro Zéro« hieß der Film, den er vor La Mamman gedreht und dann nur acht Freunden gezeigt hatte, um ihn anschließend solange wegzuschließen, bis sich ein Käufer für sein Produkt finden würde. Zurück zu einem filmischen Nullpunkt war nicht nur ein ästhetisches, sondern auch ein ökonomisches Programm, denn neben der einzigen Frage, die Jean Eustache wirklich beschäftigte (und die sich durch alle Interviews der Sammlung hindurchzieht), »Warum macht man Filme?«, stellte sich ihm immer noch eine zweite: »Wovon soll ich leben?« Dabei vermitteln sämtliche Texte, sofern sie das Thema Geld berühren – Eustache spricht ausgiebig davon – den Eindruck, daß kommerzielle Erwägungen keinerlei Einfluß auf seine filmische Arbeit hatten, und daß auch der technische Minimalismus vielleicht eine Ursache kommerziellen Mißerfolgs, nicht aber Folge finanziell eingeschränkter Mittel war. Jean Douchet charakterisiert Eustaches Kino als »zutiefst dandyhaft in seinem Bezug zum Geld«, und aus dieser heroischen Position scheinbarer ökonomischer Indolenz speist sich wohl auch das mythische Potential eines nicht allzu bekannten Regisseurs und seiner in ihrer existenziellen Verschränkung von Kunst und Leben (und Selbstmord) geradezu romanhaft anmutenden Biographie.

Mit den Essays und Interviews, mit den zeitgenössischen Kritiken in der kommentierten Filmographie haben die Freunde der Deutschen Kinemathek genügend Material zur weiteren Beschäftigung vorgelegt. Die Bedeutung Eustaches für das Kino auch außerhalb Frankreichs, von Tarantino bis Angela Schanelec, und die Unbedingtheit seiner filmischen Recherche legen nahe, daß von seinem Werk aus, auch in der Filmtheorie, der Weg zu einer Neubewertung und -belebung einer richtig verstandenen Autorentheorie führt. 1970-01-01 01:00

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