— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Geschichte des sowjetischen und russischen Films

Christine Engel (Hrsg.): Geschichte des sowjetischen und russischen Films. Stuttgart 1999. Metzler. 382 S.
Von Natascha Drubek Meyer Endlich ist sie da, die autoritative Geschichte des russischen und sowjetischen Films des 20. Jahrhunderts! Die Zeit, in der der Cineast oder Filmwissenschaftler zum guten alten, aber doch etwas verstaubten Toeplitz greifen mußte, um etwas über Filme wie Arsenal oder Capaev zu erfahren, ist vorbei. Bei der Publikation handelt es sich um die erste, von keiner Zensur behinderte Darstellung eines Jahrhunderts Film in Rußland. Diese Koproduktion vereint die Texte zweier Moskauer Filmforscher (Evgenij Margolit, Miroslava Segida), der jahrzehntelang in Berlin und jetzt in den USA wirkenden Filmwissenschaftlerin Oksana Bulgakowa und der österreichischen Slavistin Eva Binder.

Das Buch besteht aus neun Teilen. Die ersten sieben sind der Filmgeschichte bis 1998 gewidmet, das achte Kapitel liefert aussagekräftige Statistiken aus der Datenbank der Moskauer Filmenthusiasten Segida/Zemljanuchin (von der ersten sowjetischen Großproduktion [Aelita, 1924] bis zum ersten Breitwandfilm; prämierte Filme von 1931-1998, die wichtigsten russischen Filmfestivals, meistverfilmte Vorlagen etc.), das neunte enthält eine Bibliographie und die Indizes Personen und Filmtitel. Die ersten sieben Kapitel bieten eine repräsentative Gesamtdarstellung der Filmgeschichte mit Beispielanalysen, darin enthalten ein kurzer politisch-historischer Abriß, da Film schließlich – so die Überzeugung der Herausgeberin – »von der Geschichte gestaltet wird und gleichzeitig immer auch ihr Mitgestalter« ist. Des weiteren ist jedem Kapitel lobenswerterweise ein Abschnitt über die Filmproduktion (Studios), den Verleih, Zuschauerzahlen und Rezeption beigegeben.

Spannend ist Margolits Kapitel »,Filmfabriken' und Kollektive«, in dem er einzelne Filmgruppen der 20er Jahre vorstellt: von Kuleschovs Gruppe, Eisensteins »Eiserner Fünf«, Vertovs Filmaugen bis zu den FEKS-Leuten. Bulgakowas Kapitel tragen zum Teil provokante Titel, wie »Unterhaltung und Stars: Hollywood bei Mosfilm«. Das Rote Hollywood ist uns nach den zahlreichen 30er-Jahre-Filmschauen der letzten Jahre ein Begriff, aber daß Dino de Laurentis 1969 in der UdSSR den Historienfilm Waterloo produzierte, haben wir vergessen. Eva Binders Darstellung des (Post-)Perestrojka-Kinos geht vor allem auf die Tresorfilme und die filmische Auseinandersetzung mit der Stalinzeit ein (die ihrer Meinung nach besonders in den 90er Jahren an Nostalgie krankte), aber auch auf Genreparodien und das Parallele Kino.

Den Autoren ist es gelungen, die wichtigsten Linien der hundertjährigen Filmgeschichte Rußlands darzustellen, ohne auf Abwegiges oder weiland Vergessenes zu verzichten. Insgesamt also ein wichtiges Buch, das man sowohl als Nachschlagewerk als auch zur weiterführenden Lektüre in Sachen russischer Film empfehlen kann. 1970-01-01 01:00

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap