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Dramaturgie des populären Films

Jens Eder: Drehbuchpraxis und Filmtheorie. Hamburg 1999. LIT Verlag. 142 S.
Von Jan-Arne Sohns Angesichts der Theoriedebatten über Virtual Reality und Cyberspace mag eine formalistisch beeinflußte Beschreibung populärer Dramaturgie-Paradigmen und deren rezeptionspsychologischer Wirkungen reichlich anachronistisch anmuten. Dabei ist Jens Eders Versuch ein dankenswertes Unterfangen: Er erarbeitet 25 dominante Merkmale des Handlungsaufbaus im Mainstream-Kino und beschreibt die von diesen Merkmalen ausgelösten Wirkungen. Ganz nebenbei klärt Eder in seinem Buch, das sich ohne Abbildungen widerstandslos als deutsche Hochschulschrift zu erkennen gibt, einige vormals vage dramaturgische Fachbegriffe.

Welch simples Muster die Blockbuster immer neu variieren, das erhellt Eder vor allem in der interdiszipinären Zusammenschau von Filmtheorie (v.a. Bordwell), Drehbuch-Ratgebern und Arbeiten zur Rezeptionspsychologie (z.B. Tan). Als Ergebnis dieser originellen Herangehensweise legt er u.a. die konsequente Parallelführung von zentralem Problem der Figuren und zentraler Frage des Zuschauers frei. Natürlich sind manche der formulierten Merkmale und deren Wirkungen alles andere als überraschend. »Typisch für den populären Film ist ein happy end«, so lautet z.B. Merkmal 16. Aus solchen Selbstverständlichkeiten kann dem Autor kein Vorwurf erwachsen: nicht sein Buch ist einfach gestrickt, sondern die in Rede stehenden Handlungsstrukturen. Und Gleiches gilt wohl für Wirkungsmomente wie Einfühlungsangebot, Spannungserzeugung und kognitive Anspruchslosigkeit, die in leichter Variation vielfach wiederholt werden.

Durch die Beschränkung auf die Dramaturgie als »System des Handlungsaufbaus einer Erzählung« verengt Eder den Gesichtskreis seiner Untersuchung auf einen – nicht spezifisch filmischen – Aspekt des populären Kinos. Zu einer umfassenden Beschreibung des Mainstream-Stils kann und will Eder auch in der abschließenden Modellanalyse von »Twister« nicht vorstoßen; er macht jedoch neugierig auf solch eine Poetik des populären Films.

Eders Buch ist ein Beispiel für die späte Bewußtmachung des fraglich Gewordenen: Er beschreibt das dramaturgische Paradigma des Mainstream-Films genau in jenem Moment, in dem es aufgehört hat, Paradigma zu sein. Schließlich haben sich Anachronien ("Pulp Fiction"), Ich-Erzählungen ("American Beauty") und Selbstreflexivität ("Scream«, »Deep Blue Sea") in jüngster Zeit – neben anderen – als alternative Erzähl- und Referenzmuster gerade des populären Films etabliert und so die Sehgewohnheiten eines breiten Publikums verändert. Eder deutet es freilich nur an: Als Idealtypus ist die paradigmatische populäre Dramaturgie zwar überzeitlich, in Wahrheit jedoch nichts als die Geschichte ihrer Variation und Verletzung. 1970-01-01 01:00

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