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documenta x

documenta GmbH (Hrsg): documenta x. documents 2. Kassel / Ostfildern 1996. Cantz Verlag. 104 S.
Von Dirk Steinkühler Bereits weit im Vorfeld der documenta X eröffnete der Cantz Verlag mit der zweisprachigen Reihe »documents« (deutsch / englisch) seinen Reigen von Publikationen zum Kunstereignis. Sie dient der theoretischen Auseinandersetzung mit den vertretenen Kunstformen und widmet sich dementsprechend auch dem Medium Film und einigen Arbeiten der Regisseure des Filmprogramms. Während der erste Band zunächst vor allem mit Paul Virilio die Möglichkeiten einer »weltumspannenden Kunstsprache« diskutiert und der dritte Wechselwirkungen zwischen Raum und Zeit aufzeigt, beschäftigt sich »documents 2« mit dem Bild als Ausdrucksmittel der modernen medienorientierten Kultur und dabei auch ausführlicher mit Filmbildern.

Der hervorstechendste Beitrag ist Frieda Grafes Betrachtung von Jean-Luc Godards einstündigem Fernsehfilm »Allemagne Neuf Zéro« (1990). Godard, der in seinen Filmen nie eine klare Grenze zwischen Realität und Fiktion zog, schafft hier erneut seine Bilderwelten aus bekannten Texten, Zitaten und Erinnerungen, vor allem an Roberto Rossellinis Klassiker »Deutschland im Jahre Null« (1947). Grafe versucht, die Sätze und Bilder philosophisch, literarisch oder geschichtlich zu verorten, bleibt dabei aber sprunghaft und ohne klare Linie. Auch die Bedeutungsebenen von Bildern in verschiedenen Medien werden sowohl allgemein als auch in Bezug auf Godard nur angedeutet. So geben Grafes nicht sonderlich neue Erkenntnisse letztendlich nur einen kurzen, allerdings akzeptablen Einblick in seine Arbeitstechniken.

Als eigentliches Highlight des Bandes entpuppen sich Serge Daneys Überlegungen zur Beweglichkeit im Kino und Film. Der Filmtheoretiker zeigt dabei verschiedene Ebenen des Begriffs der Bewegung nicht nur bei den produzierten Filmbildern, sondern auch bei deren Rezeption im Kinosaal auf. Er sieht die Geschichte des Films als Erziehungsprozeß des Publikums, das inzwischen ruhig vor der Leinwand sitzt und nur noch bei Hongkong-Streifen actionlose Szenen als Raucherpausen nutzt. Doch im Gegenzug erhalten die Zuschauer allerdings immer häufig wenig innovative, der Werbung entliehene und mit wiederkehrenden Klischees aufgefüllte Bilder.

Daney erkennt eine einsetzende Verweigerungshaltung, die sich im erneuten Verlassen des Saales oder im generellen Fernbleiben äußert. Als ein Beispiel für die Schaffung lebendigerer Bilder nennt auch er Godard, wählt allerdings ältere, weniger bekannte Werke, die noch konsequenter sein Filmverständnis umsetzen. Wenn schließlich bedacht wird, daß sein Text bereits acht Jahre alt ist, erweist sich Daney als weitblickender Analytiker, obwohl Godard inzwischen auch mehr Altes verarbeitet als Neues schafft.

Ergänzend dazu wirft Serge Daney einen Blick auf den Mißbrauch von Bildern in der Werbung und der Philosoph Giorgio Agamben auf die Montagetechniken des französischen Regisseurs Guy Debord, der das Wiederkehren und das verringerte Tempo von Bildern in ähnlicher Weise nutzte wie Godard. 1970-01-01 01:00

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