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Cassavetes über Cassavetes

Ray Carney (Hrsg.): Cassavetes über Cassavetes. Frankfurt 2003. Verlag der Autoren. 680 Seiten. 26,- Euro

Genremix

Von Kyra Scheurer Fast 15 Jahre nach dem Tod des amerikanischen Independentregisseurs John Cassavetes ist im Verlag der Autoren das bemerkenswerte Buch »Cassavetes über Cassavetes« von Ray Carney erschienen – keine Biographie im herkömmlichen Sinne, sondern eine synthetische, kommentierte, komponierte.

Dieser Genremix aus Autobiographie, Biographie, Werkstattgespräch und kritischer Würdigung krankt zwar zeitweilig an einem überambitionierten Verfasser, dessen Ringen mit Werk und Person deutlich spürbar bleibt. Doch auch wenn Carneys Darstellung bisweilen faktenüberladen oder redundant daherkommt: Hier ist etwas Großes gelungen. Das aussagekräftige Porträt eines kritischen, fantasievollen Besessenen, der seine Filme liebte und die Menschen, mit denen er sie in aufreibenden Prozessen herstellte.

Carney behandelt Cassavetes bei aller Verehrung nicht als sakrosankte Figur, läßt Raum für die Abgründe des Künstlers, seine manipulativen Regietricks und skrupellosen Bluffs. So entsteht ein beeindruckendes Bild von der Kluft zwischen unbedingtem Wahrhaftigkeitsanspruch und dem lügengepflasterten Weg dorthin. Frei von Hollywoodklatsch und sonst in Biographien oft üblicher »Küchenpsychologie« bildet dieses einzige lieferbare Buch von und über Cassavetes eine überaus lesenswerte Einführung in Philosophie und Arbeitsweise eines der interessantesten und eigenwilligsten Regisseure Amerikas.

Cassavetes wußte genau, daß seine Filme die Erwartungen der Zuschauer sabotierten und bestand konsequent darauf, daß der Plot die Richtungen, in die ein Film und seine Figuren sich entwickeln können, nicht einschränkt, daß die Bilder nicht zu glatt, die Musik nicht zu stimmig wurde: »Professionalität ist eine Form von Passivität – etwas, wovor man sich hüten muß."Man erlebt bei der Lektüre den bisweilen donquixotesken Kampf eines leidenschaftlichen Visionärs, der innerhalb einer kommerziellen Kunstform mit unbändiger Energie für die Etablierung der Kunst streitet – und in dessen Werk letztlich das Leben die Kunst besiegt, in großer Würde und Wahrhaftigkeit.

»Ich möchte etwas Unauslöschliches machen. Etwas Konkretes.[…] Etwas mit Humor, mit Traurigkeit.« Wie sehr ihm das gelungen ist, kann man jetzt auch wieder im Kino bestaunen: »Opening Night« läuft 25 Jahre nach seiner Berlinale-Premiere wieder in einigen Kinos in Berlin, Erlangen, Köln, Leipzig und Karlsruhe und liefert so perfektes Anschauungsmaterial für die generellen Ausführungen des unabhängigen Filmemachers über sein »Kino der echten Kommunikation«. 1970-01-01 01:00

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