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Kasimir Malewitsch – Das weiße Rechteck

Bulgakowa, Oksana (Hg.): Kasimir Malewitsch – Das weiße Rechteck. Schriften zum Film. Berlin 1997. Potemkin Press. 154 S.
Von Mark Potocnik Schon seit der Antike messen sich die Künste in einem Wettstreit miteinander, welche artifizielle Ausformung (Literatur, Malerei etc.) der Welt am besten entspräche. Im Zeitraum von der Antike bis in die Moderne hat der Paragone daher schon viele und vielfältige Dokumente hinterlassen. Ein Zeugnis des modernen Widerstreits ist nun in der deutschen Übersetzung zu lesen: Kasimir Malewitschs »Schriften zum Film«.

»Das weiße Rechteck« ist, am heutigen Forschungsstand gemessen, die erste vollständige Sammlung der veröffentlichten und unveröffentlichen Aufsätze Malewitschs zum bewegten Bild und beinhaltet ein Drehbuch, von Malewitsch verfaßt, zu einem Film, den er mit Hans Richter geplant hatte. Die Aufsätze messen sein Programm des Suprematismus am neuen Medium des Films und zeichnen eine Entwicklung der malerischen Moderne von Cézanne bis zum Kubismus nach, um Eisenstein, Vertov oder Ruttmann in den fortschreitenden Prozeß hin zum eigenen Konzept der Aufhebung der Kunstgeschichte im Suprematismus einordnen zu können.
Dabei erscheint Malewitsch der Film nicht als ein Verfahren der naturalistischen Abbildung der Wirklichkeit, sondern vielmehr als Vervollkommnung der neuen Prinzipien der modernen Malerei: Dynamik und Abstraktion. Erst in der Bewegung hin auf die gegenstandslose Welt können die Fesseln der Ratio – in der Kunst durch die Verpflichtung zur Mimesis repräsentiert – gesprengt werden.

So empfiehlt Malewitsch beispielsweise in seinem Aufsatz »Die Gesetze der Malerei im Film« (zuerst auszugsweise veröffentlicht im Schnitt III/96), sich mit dem Futurismus eines Boccioni oder Balla vertraut zu machen, um Vertovs Filme Das elfte Jahr und Der Mann mit der Kamera angemessen rezipieren zu können. Erst in der Auseinandersetzung mit den avantgardistischen Techniken könne es gelingen, daß der Film über seine Kultur »an sich« nachdenke.

Den Texten ist ein luzider Aufsatz von Norbert M. Schmitz beigegeben, der Malewitschs »Schriften zum Film« in ihrem zeitgenössischen Kontext verankert und ihre Problematik anhand der zeitgeschichtlichen Fragestellungen expliziert. In der Auseinandersetzung mit der Kinematographie ist »Malewitschs Theologie der supremen Bewegung« ein »Dokument der Reibung zwischen dem metaphysischen Programm einer spätromantischen Abstraktion und den apparativen, medialen Bedingungen des Films«.

Den Übersetzungen in »Das weiße Rechteck« gelingt es durchaus, den rauhen und kantigen Ton, der Malewitschs Schriften eignet, ins Deutsche zu übertragen, so daß die Lektüre der Schriften auch zu einer Auseinandersetzung mit der Rhetorik der Avantgarde des 20. Jahrhunderts wird. Um ins Zentrum der Debatte der modernen Avantgarde über die Prinzipien Abstraktion und Dynamik vorzustossen, wird niemand an Malewitschs Schriften vorbeikommen. 1970-01-01 01:00

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