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Projektion. Montage. Politik.

Elisabeth Büttner: Projektion. Montage. Politik. Die Praxis der Ideen von J.-L. Godard und Gilles Deleuze. Wien 1999. Synema. 144 S.
Von Mark Stöhr 1973 verläßt Jean-Luc Godard Paris und gründet in Grenoble zusammen mit Anne-Marie Miéville die Filmproduktionsfirma Sonimage. Diese räumliche Umpositionierung weg vom Zentrum bedeutet für Godard auch eine grundsätzliche Neuorientierung in seiner filmischen Produktion wie Reflexion, nicht zuletzt eine Hinwendung zur Videotechnologie. Das Sonimage-Studio wird für ihn zu einem abgeschiedenen Raum des Experiments und der Forschung, in dem er sich ganz konkreten Bildern und Tönen zuwendet, die im Alltag ihre Spuren hinterlassen – vorzugsweise Werbeseiten von Illustrierten, Fernsehspots, Ikonen der politischen Berichterstattung. Dieses akustische und visuelle Found Footage kombiniert er mit Sequenzen aus eigenen Filmen, später mit langen neugedrehten Interviewpassagen.

Godards Ziel ist es nicht nur, sein eigenes Material einer grundlegenden Revision zu unterwerfen, sondern die vorgefundenen Bilder und Töne den sie dominierenden Beschreibungen durch eine omnipräsente Medienmaschinerie zu entreißen und dadurch neu sicht- und hörbar zu machen.

Die Beschäftigung mit Godards Videojahren bildet das Zentrum von »Projektion. Montage. Politik.« der Wiener Filmwissenschaftlerin Elisabeth Büttner. Es ist die Vision einer Kinematographie oder besser: einer Bild-Ton-Montage, die den Autismus einheitlicher Erzählbögen und rigider ideologischer Einlagerungen des »Bewegungskinos« verläßt, bewußt Lücken zwischen den einzelnen Bildern läßt und sie so sowohl gegeneinander als auch gegenüber der äußeren gesellschaftlichen Realität öffnet.

Neben Godard bezieht sich Büttner hier hauptsächlich auf Gilles Deleuze und dessen Beschreibung des schrittweisen Übergangs vom »Bewegungsbild«, auf dem das Kino der Aktionen und Emotionen aufbaut, hin zum »Zeitbild« des modernen Kinos, das ein lineares Nacheinander durch die Beschreibung rein optischer und akustischer
Situationen ersetzt. Das kinematographische Bild wird begrifflich und damit lesbar, und gleichzeitig vollzieht sich das Denken in einem konkreten Akt der filmischen Wahrnehmung oder wie Godard es Ende der 60er Jahre bündig ausdrückt: »Die Kunst ist nicht die Reflexion der Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit der Reflexion«.
»Projektion. Montage. Politik.« erfordert eine konzentrierte Lektürearbeit. Doch diese lohnt sich fraglos: Reich an Material und Kenntnis vermittelt dieses Buch mehr als eine Ahnung davon, was Kino leisten kann, wenn man es nur ließe. 1970-01-01 01:00

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