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Heimweh

Elisabeth Bronfen: Heimweh: Illusionsspiele in Hollywood. Berlin 1999. Verlag Volk & Welt. 559 S.
Von Sascha Westphal Kein Ort, nirgends. Dieser traurige, traurig machende Befund der Psychoanalyse, diese Weltformel unseres ausgehenden Jahrhunderts, ist vielleicht die tiefste Wahrheit menschlicher Existenz, aber der ununterbrochene Blick in diese Tiefe ist nur schwer auszuhalten. Der Abgrund, der sich in ihr auftut, macht schwindelig. Nur der Blick nach oben, in den Himmel, also die Flucht in die Illusionen kann den Fall, die letzte Konsequenz des Vertigo, verhindern. Und dieser Himmel, das ist im Jahrhundert der Traumdeutung, das eben auch das der Traumfabrik ist, die Kinoleinwand.

»There's no place like home«, immer wieder sagt die kleine Dorothy diesen Satz, der sie zurückbringt aus dem Märchenreich Oz nach Kansas, in die triste Welt der Farmer. Doch dieses Mantra gewordene Bekenntnis zu ihrem Heim ist verräterisch. Die Wahrheit verbirgt sich in ihm, das Wissen darum, daß es so etwas wie Heimat nicht geben kann. Von der Sehnsucht nach diesem Ort wie keinem anderen handeln all die Filme, denen Elisabeth Bronfen sich mit der Sprache und dem Wissen der psychoanalytischen Theorie nähert.

Die träumenden, sehnsuchtsvollen Mädchen und Frauen bei Sternberg und Hitchcock, bei Fleming und Sierck/Sirk, die verlorenen und verlassenen Jungen und Männer bei Ford und Burton, bei Fincher und den Wachowskis, sie alle suchen einen Platz, an dem sie verweilen können, an dem der Augenblick Ewigkeit werden kann, und finden doch immer nur den Rest in sich, der Beweis ihrer immerwährenden Entortung ist. Das Kino erzählt von Heimat und damit von ihrer Unmöglichkeit. Es ist zugleich Spiegelbild und Zwillingsbruder der Psychoanalyse und »letztlich vielleicht gerade deshalb eine so verläßliche Heimat, weil es das eigene Scheitern mit inszeniert«.

»Der Pakt, auf den wir uns einlassen, wenn wir uns über die Schwelle in diese virtuelle Heimat [das Kino] begeben, bleibt nicht mehr, aber auch nicht weniger als das Versprechen eines provisorischen Glücks.« Das Wesen des Kino bringt Elisabeth Bronfen, diese wahre Cinephile, hier auf den Punkt und setzt damit dem »There's no place like home« unausgesprochen ein »Home is where the heart is« entgegen. Mit seinem Versprechen eines provisorischen, ein paar Stunden dauernden Glücks kann das Kino zur einzig beständigen Heimat werden, zu dem Ort, an den man immer wieder zurückkehrt, um der Entortung in der Wirklichkeit zu entfliehen.

Die Sehnsucht und das Wissen, der ewige Widerspruch, der das Kino und die Psychoanalyse verbindet und auch trennt, er ist das eigentliche Herz von Elisabeth Bronfens Schreiben. Den wissenden Analysen stehen die liebevollen Erzählungen einzelner Sequenzen und wundervolle Nachdichtungen der Filme zur Seite. Das nüchterne Instrumentarium der Wissenschaft löst die Illusionen auf, die magische Sprache der Beschreibungen erschafft sie neu und hält sie für immer fest.

In Elisabeth Bronfens Annäherung an Matrix öffnet sich der Blick auf die zwei Wege, die das Kino uns aus der Entortung weist. Cypher und Neo, Judas und Jesus, der eine verrät das Wissen, um sich in der allumfassenden Illusion zu verlieren, der andere wird Gott gleich, erhebt sich über Wissen und Illusion, indem er am Ende aus der Matrix und der Welt heraustritt. Im Widerschein des Lichts der Leinwand können wir für die Dauer des Films beides sein, Verräter und Gott, um dann wieder zurückzukehren in den Zwischenraum, diese Twilight Zone von Wissen und Wunsch, die unser Leben ist. 1970-01-01 01:00

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