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Die gute und die böse Mutter

Brauerhoch, Annette: Die gute und die böse Mutter. Kino zwischen Melodrama und Horror. Marburg 1996. Schüren Verlag. 207 S.
Von Markus Fritsch Der weibliche Körper schien von Anfang an neben der Faszination, die sein Anblick in den ersten Filmen auslöste, auch Bedrohliches zu enthalten – darauf reagierte die Filmtechnik und -ästhetik mit Inszenierungsstrategien, die ganz unterschiedlich mit weiblichen und männlichen Körpern umgingen. Während im dominanten Mainstreamkino männliche Subjektivität über den Blick und somit über die Blickmacht inszeniert wird, repräsentiert die Frau den Mangel, mit dem das Kino nach der psychoanalytischen Filmtheorie auf verschiedene Weise umgeht: voyeuristisch-sadistisch oder fetischisierend. Diese stereotypen Inszenierungsstrategien geraten jedoch anhand der Mutterfiguren zu einem Problem, weil einerseits über das weibliche Element das Sexuelle in den Film tritt, andererseits die Mutterfiguren aufgrund gesellschaftlicher Konventionen und Tabus nicht mit Sexualität assoziiert werden dürfen.

Annette Brauerhoch untersucht diese widersprüchlichen Strategien anhand zahlreicher Filmbeispiele aus den Genres Melodram, Horror- und Vampirfilm. Ihr Ziel ist es, die unter dem Zeichen der »Mütterlichkeit« eingeschriebene Frau zu finden mit dem Hintergedanken, daß selbst im Mainstreamkino andere Spuren zu finden sind als die der dominanten patriarchalen Inszenierungsstrategien. Einfacher gesagt, Brauerhoch geht es um die Konkretisierung der mütterlichen Macht im Filmerlebnis und in der Apparatur des Kinos.

Neben den erwähnten Genrebeispielen enthält das Buch Exkurse in die Klassiker der Filmtheorie wie u.a. Jean-Louis Baudrys »Apparatus«-Aufsatz.

Für alle Leser, die in filmwissenschaftlichen Diskussionen mithalten wollen und an den Diskursen der psychoanalytischen Filmtheorie interessiert sind, ist das Buch empfehlenswert. Leser, die sich nicht für Filmtheorie begeistern können, wird das Buch aufgrund der komplexen Materie als zu schwergängig erscheinen. Ein Leseversuch für den nicht wissenschaftlich ambitionierten Leser kann sich trotzdem als lohnend erweisen, da es eben auch um gesellschaftlich wichtige Fragen wie die Etablierung von Geschlechtsidentitäten und gesellschaftliche Realität im allgemeinen geht. 1970-01-01 01:00

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