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The Way Hollywood Tells It

David Bordwell: The Way Hollywood Tells It. Berkely, Los Angeles, London 2006. University of California Press. 298 Seiten. Ca. 23,- Euro
Von Daniel Bickermann Es gibt zwei gute Gründe, das neue Buch des vielleicht bekanntesten lebenden Filmwissenschaftlers David Bordwell zu lesen, noch bevor es einen deutschen Verlag gefunden hat. Der erste liegt in der Aktualität: Zu selten genießt man als Leser anschaulich beschriebene Filmbeispiele, an die man sich noch deutlich erinnern kann. Der zweite, wichtigere Grund liegt in Bordwells weiterhin unerreichtem Schreibstil, der erst im englischen Original seine ganze sarkastische Souveränität entfaltet – egal, ob der Meister über den »finanziellen Durchfall« der Filmindustrie spricht, seine Analytiker-Kollegen zurechtrückt oder in den Koppulationsmetaphern der Hollywood-Editoren schwelgt ("frame-fucking« vs. »gangbanging").

Das neue Buch kommt im unscheinbaren Cover und als angebliche Essay-Sammlung daher – und entpuppt sich doch als ein weiteres analytisches Hauptwerk Bordwells. Dessen argumentative Gründlichkeit glich ja seit jeher weniger einem Informationsfluß als eher einem reißenden Strom, und auch hier weiß er wieder auf jede Eventualität eine Antwort und gibt sie auch, ohne dabei angeberisch zu wirken. Zugleich fängt er väterlich einige zu weit vorgepreschte Kollegen ein – wie Schuljungen erklärt er ihnen geduldig noch einmal den Unterschied zwischen Analyse und Interpretation. Solche Momente sind reinster Balsam für die geschundenen Nerven des Filmbuchlesers in diesem postmodernen Zeitalter der freien Assoziation, wie sie zum Beispiel Slavoj Zizek praktiziert.

Ganz unangreifbar ist Bordwells Grundthese dabei nicht: Haben die modernen Techniken im amerikanischen Film seit den 60er Jahren tatsächlich nicht zu einem Bruch mit dem narrativen und stilistischen Katalog des klassischen Hollywoods geführt, sondern eher zu einer Verstärkung eben jener Prinzipien bzw. zu ihrer »Dekoration«? Bordwells Argumentation jedenfalls ist derart kenntnisreich und souverän geführt, daß sie auf Anhieb keinen Widerspruch zuläßt. Und ein wenig provokative Kontroverse hat auch noch keinem Buch geschadet.
Selbst jene, die sich mit der theoretischen Prämisse des Buches nicht anfreunden mögen, finden doch eine Analyse der modernen filmischen Techniken anhand ihrer Herkunft, technischen Anwendbarkeit und ihrer Wechselbeziehung zwischen Kameraarbeit, Schnitt und filmpraktischem Alltag, wie man sie in solcher Genauigkeit lange nicht mehr gelesen hat. Nicht nur das umfassendste und informativste Buch zum amerikanischen Film, das wir in diesem Jahr sehen werden, sondern mit Sicherheit auch das unterhaltsamste. 1970-01-01 01:00

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