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Serge Daney – Von der Welt ins Bild

Christa Blümlinger (Hrsg.): Serge Daney – Von der Welt ins Bild. Augenzeugenberichte eines Cinephilen. Berlin 2000. Vorwerk 8. 287 S.
Von Mark Stöhr Godard nannte ihn »le ciné-fils«, und ihm wurde auch das Privileg zuteil, der einzige direkte Gesprächspartner in dessen achtteiliger Videoreihe »Histoire(s) du cinéma« zu sein: der französische Filmkritiker und Kulturessayist Serge Daney. Er war einer der »Söhne« Henri Langlois', des legendären Gralshüters der Filmgeschichte und Begründers der »Cinémathèque Française«, eine Zeit lang Chefredakteur der »Cahiers du cinéma« und gründete Anfang der 90er Jahre die Filmzeitschrift »Trafic«, bevor er 1992 achtundvierzigjährig starb.

In der Reihe »Texte zum Dokumentarfilm« der Dokumentarfilminitiative Mülheim hat nun die schweizer Filmwissenschaftlerin Christa Blümlinger eine Auswahl von Texten Daneys aus den 70er bis 90er Jahren übersetzt und zugänglich gemacht, die zum Großteil selbst in Frankreich noch nicht in Buchform erschienen sind. Sie weisen Daney als sensiblen Seismographen und hellsichtigen Bildarchäologen seiner Zeit und nicht zuletzt als fanatischen Kinogeher und Filmliebhaber aus, der über das eigentliche Universum der Cinéphilie hinaus immer auch die soziale und politische Dimension der Bilder mitdachte.

Es sind jedoch die »Gespräche über die Welt der Bilder« im Mittelteil des Bandes, drei Interviews mit Daney zwischen 1983 und 1992, die die verschiedenen Etappen und das Spektrum seiner Seh- und Denkarbeit besonders deutlich machen und zugleich unschätzbare Zeugnisse fast eines halben Jahrhunderts Bildkultur sind: Sie zeichnen Daneys Weg nach vom Protagonisten und Wegbegleiter der von den Autoren der »Nouvelle Vague« geprägten cinephilen Tradition, über den radikalen Ideologen in den 70ern, als die »Cahiers« mehr maoistische Kampfpostille denn Filmzeitschrift waren, bis zum erbitterten Kritiker des »Visuellen« in Fernsehen und Werbung, das ihm zufolge das Lesen und Dekodieren von Bildinformationen über die autonome Seherfahrung stellt und die Repräsentation der Welt im Bild durch ihre bloße Präsentation ablöst. Ein auf den ersten Blick inzwischen möglicherweise banal erscheinender Gedanke, der jedoch nichts von seiner Aktualität und Brisanz eingebüßt hat. 1970-01-01 01:00

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