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Das andere Hollywood der dreißiger Jahre

Michael E. Birdwell: Das andere Hollywood der dreißiger Jahre. Die Kampagne der Warner Bros. gegen die Nazis. Hamburg 2000. Europa. 319 S.
Von Jörn Glasenapp Die Tatsache, daß sich die vermeintliche Traumfabrik Hollywood nicht allein auf die Produktion eskapistischer Wunschphantasien verlegte, sondern immer wieder auch zu gesellschaftspolitischen Fragen direkt Stellung bezog, ist hinlänglich bekannt und wird einmal mehr durch die vorliegende wichtige Studie von Michael Birdwell unterstrichen. Diese fokussiert das unermütliche Bemühen der polnisch-jüdischen Einwanderer Harry und Jack Warner, als Gründer und Leiter der Warner Brothers Pictures Inc. die amerikanische Öffentlichkeit auf die vom Faschismus ausgehenden Gefahren aufmerksam zu machen und speziell das nationalsozialistische Deutschland als einen nicht zu unterschätzenden Herd der Bedrohung anzuprangern.

Bereits 1934 brachen die Warners ihre Geschäftsbeziehungen zu Deutschland ab – zu einer Zeit also, als kein anderes der acht großen Hollywood-Studios aus Angst vor den dadurch entstehenden Verlusten dazu bereit war. Während MGM, Twentieth Century-Fox und Paramount bis September 1940 ihre Produkte nach Deutschland exportierten und Größen wie Walt Disney ihre Bewunderung für Hitler offen Ausdruck verliehen, entstanden bei Warner Brothers Filme wie Black Legion (1937) und Confessions of a Nazi Spy (1939), die sich in aller Direktheit mit dem Problem des auch in den Vereinigten Staaten zunehmend an Boden gewinnenden Faschismus auseinandersetzen, was unter anderem heftige Auseinandersetzungen mit der Production Code Association (PCA), dem Organ der freiwilligen Selbstkontrolle in der Filmindustrie, zur Folge hatte.

Von Antisemiten aufs schärfste attackiert, produzierten die Warners schließlich Sergeant York (1941), mit welchem sie in der laufenden Interventions-Debatte Position bezogen und sich – wie etwa auch Hitchcock mit seinem Foreign Correspondent von 1940 – offenkundig für den Kriegseintritt der Vereinigten Staaten aussprachen. Der von Isolationisten vorgebrachte Vorwurf, die Warners betrieben von der Leinwand aus Kriegshetzerei, ließ denn auch nicht lange auf sich warten, was dazu führte, daß Sergeant York nur knapp einen Monat nach seiner Premiere von der Leinwand verschwand, um erst nach der Kriegserklärung der Achsenmächte erneut freigegeben zu werden.

Wenngleich Birdwell mit seiner klar geschriebenen und vorbildlich recherchierten Studie ein genauer Einblick in die überaus komplexen Machtverhältnisse des Hollywood der 30er Jahre gelingt und ihm zudem der Verdienst zukommt, das Augenmerk seiner Leser über eine spannende Lektüre auf einen bislang wenig erforschten Aspekt der amerikanischen Filmgeschichte zu lenken, so ist der vollständige Verzicht auf eine theoretische Fundierung und Generalisierung seiner Erkenntnisse sicher zu kritisieren. Ein Umstand, der um so schwerer wiegt, als sich vor allem soziologische Ansätze – zu denken wäre etwa an Bourdieus Feldtheorie – problemlos auf die von Birdwell aufgeworfenen Fragestellungen hätten applizieren lassen können. 1970-01-01 01:00

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