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Künstliche Menschen

Rolf Aurich, Wolfgang Jacobsen, Gabriele Jatho: Künstliche Menschen. Manische Maschinen, kontrollierte Körper. Berlin 2000. Jovis Verlag. 219 S.
Von Stefan Kramer Bei der Berlinale hat vor allem die Ausstellung und Retrospektive “Künstliche Menschen” das Publikum mit ihren teilweise neu restaurierten Filmen des europäischen Expressionismus und ihrem breit angelegten Überblick über die maschinellen Rekonstruktionen von Körpern in der Filmgeschichte in ihren Bann gezogen.

Durch ihre Perspektiven auf die künstlichen Reproduktionen des Menschen, welche die Phantasien zahlreicher Filmemacher von Ernst Lubitsch (Die Puppe, 1919) über James Whale (Frankenstein, 1931) und Julien Duvivier (Le Golem, 1935) bis hin zu Aaron Lipstadt mit seinem Film Android (1982) beflügelt haben, hat sie zugleich Wesentliches über das Wesen des Films ausgesagt. Die begleitende Publikation zur Retrospektive verdichtet die Reflexion der Filme und Vorträge zusätzlich und liefert dabei tiefe Einblicke in die durch ihre filmische Repräsentation doppelt entrealisierten Träume und Ängste der Menschen, welche die gesamte Geschichte des Films durchzieht.

Nachdem Heinrich von Kleists philosophischer Aufsatz über das Marionettentheater eine Ahnung von der auch historischen Breite des Themas hat aufkommen lassen, beschäftigen sich die weiteren Beiträge mit den verschiedensten Ausformungen des reproduzierten Menschen vom Homunculus über den Vampir und den Golem bis hin zum Androiden, Cyborg, Terminator und Robocop, die das phantastische Kino der Gegenwart prägen. Dabei sind insbesondere die Seitenblicke auf die ideologische Konstruktion vom “Neuen Menschen” interessant, die das stalinistische Sowjetkino genauso geformt haben wie die “Filmkunst” im Dritten Reich und nicht zuletzt auch das Starkino Hollywoods.

Durch diese Bezüge wird die Nähe des unter verschiedenen politischen Systemen sozialisierten und mediatisierten Menschen zu seiner künstlichen Reproduktion auf erschreckende Weise deutlich. In allen seinen Beiträgen fragt der Band zwar nach der Darstellung des künstlichen und durch seine maschinelle Reproduktion konservierten und unsterblich werdenden Menschen. Bezeichnenderweise geraten dabei die Medien selbst in ihrer so bedeutenden Rolle als Extension des Menschen und Mittel zu dessen Konservierung, seiner beliebigen Reproduzierbarkeit und damit auch Unsterblichwerdung aber nicht ins Blickfeld.

Während die Reproduktionen von Menschen und die Ersetzung von dessen vergänglichem Fleisch durch unvergängliches Material ursprünglich eine Annäherung an das Ewige und Göttliche bezweckte, sind im 20. Jahrhundert nämlich in Wirklichkeit nicht die Golems, Androiden, Terminatoren und andere – durchweg unzureichende – Nachmodellierungen von Körpern an deren Stelle getreten. Vielmehr haben die technischen Arrangements der Medienmaschinen selbst als erste räumlich oder zeitlich abwesende Menschen und deren Informationen als universell verfügbaren Code, als maschinell produzierte Maschine oder als Medium im Medium gespeichert, scheinbar authentisch repräsentiert und damit den Tod aufgehoben, um so den Traum der Maschinenmenschen und Menschenmaschinen medial zu realisieren. Doch diese entscheidende anthropologische und sicher mehr als die Reproduktion von Körpern in die Zukunft verweisende Variante der Mediengeschichte scheint dieses eher an den Narrationen der Filmgeschichte orientierte Buch leider übersehen zu haben. 1970-01-01 01:00

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