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REC – Video als mediales Phänomen

Ralf Adelmann / Hilde Hoffmann / Ralf F. Nohr (Hrsg.): REC – Video als mediales Phänomen. Weimar 2002. VDG. 265 S. EUR 23.00
Von Mark Stöhr Alltag raus – Kassette rein!«, mag sich die Redaktion der »Tagesschau« 1977 gedacht haben, als sie von der RAF ein Videoband zugespielt bekam und kurz daraufhin veröffentlichte, auf dem der entführte Martin Schleyer eine Erklärung vorlas. Das war lange, bevor Vilém Flusser in seiner Schrift »Kommunikologie« zu der einigermaßen ernüchternden Einsicht kam, der Gebrauch von Video sei heute ungefähr so revolutionär wie die Umfunktionierung des Autos zum Ort des Geschlechtsverkehrs.

In den 70er Jahren jedoch keimte noch die Hoffnung, mit der Videotechnologie sei ein emanzipatorisches Medium geboren, das eine autonome Gegenöffentlichkeit möglich mache. Die audiovisuelle Bombenwarnung der RAF lud da ein zum Weiterträumen, denn es gelang ihr, das Bildmonopol des »Staatsfernsehens« aufzubrechen und aus dem passiven Empfängermodus in die aktive Senderfunktion zu wechseln. Doch was ist Video heute? Die Konsole experimenteller Medienkunst, der Lieferservice des virtuellen Geschlechtsverkehrs, Technologiepark allgegenwärtiger Überwachung oder Archiv individueller Biographien?

Das alles und noch viel mehr, behaupten Ralf Adelmann, Hilde Hoffmann und Ralf F. Nohr in dem von ihnen herausgegebenen Textsampler »REC – Video als mediales Phänomen«, der Publikation zu einer gleichnamigen Tagung im Herbst letzten Jahres am Institut für Film- und Fernsehwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum. Materialreich und klug, mit dem theoretischen Instrumentarium der Medienwissenschaften und Cultural Studies, konjugieren die Autoren die gegenwärtigen Praxen von Videotechnik und -ästhetik durch.

Ihr besonderes Augenmerk gilt dabei dem Video als »Kinematograph des Amateurs« (Godard), als Speichermedium des Privaten, Intimen, Nicht-Öffentlichen, ob es sich nun um Hochzeitsfilme handelt oder visuelle Souvenirs aus dem letzten Urlaub. Daß der Blick durch die mediale Überbrückung apparatisch geworden ist, konnte man schon vor Jahren bei Flusser nachlesen, in welchem Ausmaß sich Formen der privaten Selbstinszenierung jedoch mit Ästhetiken und Dramaturgien aus dem Profibereich vermengen, ist sehr aufschlußreich. Das häßliche Entlein Video hat sich zum Auge der Welt gemausert – höchste Zeit also für dieses Buch. 1970-01-01 01:00

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