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Picknick am Valentinstag

Picnic at Hanging Rock. AUS 1975. R: Peter Weir. B: Cliff Green. K: Russell Boyd. S: Max Lemon. M: Gheorghe Zamfir, Bruce Smeaton. P: Australian Film Commission, McElroy & McElroy, Picnic Productions Pty. D: Anne-Louise Lambert, Rachel Roberts, Helen Morse, Kirsty Child, Tony Llewellyn-Jones, Jacki Weaver, Frank Gunnell u.a.
104 Min. Koch Media ab 10.8.12

Sp: Deutsch, Englisch (DTS HD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.66:1 anamorph. Ex: Kinofassung, Dokumentation A Dream within a Dream, Film The Day of Saint Valentine, Interviews, Featurettes, Trailer.

Im Schatten junger Mädchenblüte

Von Jochen Werner Am Valentinstag des Jahres 1900 brechen die Schülerinnen der Appleyard-Mädchenschule zu einem Ausflug zum Mount Diogenes auf, einer im Volksmund als Hanging Rock bezeichneten Felsformation im australischen Bundesstaat Victoria. Drei von ihnen sowie die Mathematiklehrerin Mrs. McCraw werden niemals zurückkehren. »Alles im Leben endet zum exakt richtigen Zeitpunkt und am exakt richtigen Ort«, mit diesen Worten entschwinden sie in einem Durchgang im Felsen und gleichzeitig aus dem Film. Dieser tut einerseits, in seiner Rahmung, alles, um uns glauben zu machen, es handele sich beim Geschilderten um eine wahre Geschichte – und entrückt seine Geschehnisse andererseits weit aus dem Rahmen des realistischen Erzählens. Wie in einer so romantischen wie verstörenden, dunklen Halluzination gefangen verharren wir, während die ungeheuer detailverliebten, aber unter der Schwere des Weichzeichners und der sphärisch-jenseitigen Panflötenmusik Gheorghe Zamfirs wie in einen seidigen, doch klebrigen Kokon eingesponnenen Panoramen uns in eine traumwandlerische und gerade dadurch auch hochperzeptive Phase zwischen Wachen und Schlafen hineinsingen – in einen Schlaf mündend, der schwere Träume bringen wird.

»All that we see or seem is but a dream within a dream«, mit dem unsterblichen Zitat Poes öffnet Picknick am Valentinstag seine Pforten der Wahrnehmung, und das beschreibt seine ästhetische Strategie sehr treffend. Alles in Peter Weirs zweitem Kinofilm – nach der famosen Horrorkomödie The Cars That Ate Paris – erscheint ein wenig verschoben: Das Gras ist grüner als in der echten Natur, die Kleider weicher und wattiger als sie wohl selbst zur britisch-kolonialistischen Jahrhundertwende waren, die Schönheit der Mädchen erscheint reiner und makelloser, und der zerklüftete Fels selbst steht als verrätselter, schroffer und schlußendlich unlesbarer Monolith im Zentrum des Films und seines Mysteriums.

Um dieses Geheimnis, mit dem der offene Schluß von Picknick am Valentinstag uns alleinläßt, wurden seit seinem Entstehen viele Theorien gesponnen, von der Zeitreise über die Alien-Entführung und von der religiösen bis zur psychosexuellen Lesart ist alles zu haben. Dieses Mysterium selbst, das zu so zahlreichen, wilden Spekulationen anregt, ist freilich eher nicht einer genialen künstlerischen Eingebung geschuldet, und schon gar nicht einer historischen Realität: Tatsächlich ist Weirs Film die Adaption eines sehr erfolgreichen Romans der mythoromantischen Autorin Joan Lindsay, und dieser Roman verfügte ursprünglich über ein Schlußkapitel, in dem das rätselhafte Geschehen sehr detailliert aufgeklärt wurde. Freilich war ihr Verlag nicht eben glücklich über diese Auflösung und entschied, das beanstandete letzte Kapitel einfach ersatzlos zu streichen, um dem geheimnisvollen Charakter der Erzählung dadurch mehr Emphase zu geben. Die gekränkte Autorin akzeptierte diese Streichung zwar (und landete mit der so veränderten Fassung einen echten Bestseller), weigerte sich aber fortan standhaft, sich über die tieferen Bedeutungen ihres Textes zu äußern.

Daß dies nicht unbedingt ein Verlust sein mußte, bewies dann die posthume Veröffentlichung des 1967 gestrichenen Schlußkapitels, die 20 Jahre nach der Erstveröffentlichung zum medialen Hype geriet. Seit dem Valentinstag 1987 ist also nun schwarz auf weiß nachlesbar, wie die Autorin das Verschwinden ihrer jugendlich aufblühenden Protagonistinnen verstanden wissen wollte. Dieser Deutung soll hier keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt werden, ist sie doch von ausgesuchter Banalität. Picknick am Valentinstag ist ohnehin keiner dieser Filme, die man zwanghaft nach einem Warum abklopfen müßte; dafür ist seine in der nun erschienenen Blu-ray-Edition in voller Pracht erstrahlende Schönheit viel zu fragil. Wie schön, daß ein Stoff manchmal vielschichtiger ist, als seine Autorin selbst zu erfassen vermag – und wie schön, daß dieser durch den großen Naturmystiker Peter Weir weiter zu einem so enigmatischen wie seduktiven Kunstwerk angereichert wurde. 2012-11-20 15:13

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