Swingin London einmal anders
Von Esther Buss
Zuletzt gab es von Jerzy Skolimowski asketisches Körperkino in Schneelandschaften zu sehen: Essential Killing, ein minimalistischer Film über den Überlebenskampf eines entflohenen Talibankämpfers. Bei so viel Rohheit konnte man leicht vergessen, daß Skolimowski auch einmal sehr zärtliche und komische Filme gemacht hat, mit einem Faible für jungenhaft-tölpelhafte Charaktere, wie etwa Le départ (1967) mit Jean-Pierre Léaud und eben den weniger bekannten Deep End (1970). Bezeichnenderweise beginnt dieser Film mit einer Fahrradfahrt, die so unschuldig ist wie vieles in diesem Swinging-London-Portrait – eine Unschuld, die allerdings trügerisch ist und immer wieder zersetzt wird von einer unterschwellig wirkenden Abgründigkeit. Musikalisch begleitet von Cat Stevens »Tea for the Tillerman« sieht man den fünfzehnjährigen Mike (John Moulder-Brown) energisch in die Pedale seines Rennrads treten, die Haare wehen im Wind und sein Gesicht glüht geradezu vor Aufregung und Vorfreude auf sein zukünftiges Leben und den ersten Job. Mike beginnt eine Arbeit in einem öffentlichen Hallenbad in einem Londoner Vorort und verliebt sich in Susan, eine Kollegin. Susan ist älter, erfahrener und sie spielt ein wenig leichtfertig mit Mikes Gefühlen, der sein stürmisches Begehren so tapsig-charmant zum Ausdruck bringt, daß man die Obsession dahinter zunächst nicht wahrnimmt. Denn seine romantischen Gefühle und sein beginnendes sexuelles Erwachen sind für den eher zarten Jungen eine Überforderung – Mike kann beides nicht auseinanderhalten oder zusammenbringen, was ihn umso mehr verwirrt.
Deep End ist ein hinreißender Film mit lakonischen Beobachtungen und grotesksurrealen Situationen, die lustigste Szene an einem Hot-Dog-Stand könnte von Buster Keaton und Jaques Tati gemeinsam geschrieben worden sein. Skolimowskis Film ist aber auch ein etwas anderes Portrait des Swinging London, gesehen aus der Perspektive eines polnischen Regisseurs, dessen Werk gerade wiederentdeckt wird (derzeit tourt Skolimowski mit einer Retrospektive durch die USA). Stil und Glamour weichen hier den eher trashigen Seiten, den billigen Stripclubs und Pornokinos, die Stimmung ist weniger cool als übergeschnappt. »Starting out« sollte der Film ursprünglich heißen, doch Deep End kam seinem düster-schönen Ausgang dann doch weitaus näher.
2012-06-25 15:42