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Reise ins Herz der Finsternis – Hearts of Darkness

Hearts of Darkness. USA 1991. R,B: Fax Bahr, George Hickenlooper. K: Larry Carney, Shana Hagan, Igor Meglic, Steven Wacks. S: Michael Greer, Jay Miracle. M: Todd Boekelheide. P: American Zoetrope, Cineplex-Odeon Films.
92 Min. Arthaus ab 5.1.12

Sp: Deutsch, Englisch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.33:1. Ex: Audiokommentar von Francis Ford und Eleanor Coppola, Filmfestival Cannes 2001: Francis Ford Coppola, Interview mit John Milius Radiosendung »Mercury Theatre on the Air«: Herz der Finsternis.

Chronik von Untergang und Wiedergeburt

Von Michael Wedel Bevor Francis Ford Coppolas Apocalypse Now im August 1979 endlich in die Kinos kam, hatte sich die Produktion über rekordverdächtige 230 Drehtage hingezogen. Der überwiegende Teil der Dreharbeiten fand dabei auf den Philippinen statt, wo Diktator Marcos die für den Dreh großzügig zur Verfügung gestellten Helikopter immer mal wieder vom Set abziehen ließ, um kommunistische Rebellen zu bekämpfen. Die Presse titelte zwischendurch schon gehässig: »Apocalypse when?«

Sinnvoll genutzt hat die Zeit vor allem Coppolas Frau Eleanor. Zusammen mit den beiden Kindern Roman und Sofia hat sie ihren Mann im März 1976 auf die Philippinen begleitet und dort ein Tagebuch geführt, dessen letzter Eintrag im November 1978 vorgenommen wurde. Es erschien erstmals pünktlich zum Kinostart des Films 1979 unter dem Titel »Notes on the Making of Apocalypse Now«. Mit 20jähriger Verzögerung erblickt ihr Tagebuch ein zweites Mal das Licht der Öffentlichkeit. Diesmal hat es Eleanor Coppola mit der Kamera geführt: Hearts of Darkness – A Filmmaker’s Apocalypse ist der treffendere Originaltitel einer der ersten und immer noch zu den besten ihrer Art zählenden Making-of-Dokumentationen. Als solche kommt sie nun gewissermaßen zu sich selbst, da sie auf DVD einzeln und im Apocalypse-Now-Full-Disclosure-Paket (das außerdem die beiden maßgeblichen Fassungen des Films sowie über neun Stunden Bonusmaterial enthält) vorgelegt wird. Und noch ein anderer Kreis schließt sich: Wird Hearts of Darkness in der Originalversion von einem Voice Over Eleanor Coppolas begleitet (der sich ausgiebig auf ihr schriftliches Tagebuch stützt), so stammt der wahlweise zuschaltbare (wohlgemerkt getrennt aufgenommene) DVD-Kommentar nun abwechselnd von Eleanor und Francis, die ihre nicht selten auf instruktive Weise konträr auseinanderlaufenden Sichtweisen auf den Stand der Dreharbeiten und das Klima in der Familie zur Sprache bringen.

Ursprünglich hat Eleanor Coppola in diesem als reine Beschäftigungstherapie unternommenen Filmtagebuch ihre Sicht auf die Entstehung eines Films und die drohende Auflösung einer Ehe präsentieren wollen. Seinen Ausgang nimmt Hearts of Darkness jedoch, indem zwei mögliche Inspirationsquellen für Apocalypse Now einander gegenübergestellt werden: Joseph Conrads Erzählung »Heart of Darkness«, die als Grundlage für John Milius’ Originaldrehbuch von 1969 diente, und Francis Coppolas übersteigerte Wahrnehmung eines illustren Filmvorgängers, nämlich Orson Welles’. Die aus Welles’ 1938 gesendeter Radioproduktion der Conrad-Erzählung entnommenen Eröffnungsworte von Eleanor Coppolas Hearts of Darkness markieren den vergeblichen Versuch des Regisseurs, »Heart of Darkness« im Jahr 1939 zu verfilmen.

Wie ein auf einem alten Haus lastender Fluch veranlaßte die Vorgeschichte von Apocalypse Now Francis Coppola dazu, alles auf eine Karte zu setzen. Seine Anmaßung besteht nicht zuletzt darin, daß Conrads Erzählung in Apocalypse Now an keiner Stelle erwähnt wird. Vor diesem Hintergrund erscheint Eleanor Coppolas Dokumentation, die auf Conrads Erzählung bereits im Titel anspielt, gleichsam als die machtvolle Inszenierung einer Rückkehr des Verdrängten, womit sie sich in die Riege der Spiegelgefechte um die Bemächtigung des Ur-Stoffs einreiht. Schließlich will Eleanor Coppola ihr Hearts of Darkness – A Filmmaker’s Apocalypse ebenso als Metakommentar zu »Heart of Darkness« verstanden wissen wie Francis Coppola Apocalypse Now, und sie fügt den bereits bestehenden Bearbeitungen ihr ganz eigenes Arsenal an inneren und äußeren Widerständen, Verschiebungen und Verdoppelungen hinzu. Und tatsächlich zieht ihr Film die Daumenschrauben der Fantasie noch eine Drehung fester, wenn nun Eleanor Coppola die Position von Benjamin Willard bzw. Michael Herr (dem Autor des Voice-Over-Kommentars in Apocalypse Now) einnimmt. Nicht umsonst schreitet die Dokumentation auch noch einmal die schier endlose Reihe von Personen ab, die im Verlauf der Planung und Produktion einander ersetzt haben: Über John Milius und Francis Ford Coppola zu Michael Herr als Autoren; von Dusan Makajew und George Lucas zu Coppola als Regisseur; von Steve McQueen zu James Caan, Harvey Keitel und Martin Sheen als Willard; von Al Pacino, Robert Redford und Jack Nicholson zu Marlon Brando als Kurtz.

Die ganz eigene Logik der Mise en Abîme von Hearts of Darkness – A Filmmaker’s Apocalypse, die sich auf die ausufernde Verwendung von Doubles, Stand ins und imaginären Identitäten stützt, hat letztlich den Zweck, die Ricochet-Effekte zu verdeutlichen, durch die sich ein Text im anderen verfängt, Joseph Conrads »Heart of Darkness« von 1899 auf seinem Weg zu Apocalypse Now nicht weniger als Apocalypse Now in Hearts of Darkness. So wie Eleanor Coppolas Dokumentarfilm sich zum Blockbuster ihres Ehemanns gleichsam als Rückseite zur glänzenden Oberfläche der Vermarktungsindustrie des Kinos positioniert, so faltet sich die Linie, die vom Autor Conrad zum Autor Coppola führt, zu einem Möbiusband von Parallelkonstruktionen, unheimlichen Gleichzeitigkeiten und spiegelverkehrt operierenden Identifikationsmechanismen. Durch ihre sarkastisch-ironische Beschwörung all der Ersetzungen, mit denen die Signifikanten »Autor«, »Erzähler« oder »Protagonist« aneinandergekettet werden, kommentiert Eleanor Coppola nicht weniger als exakt jene kulturellen Strategien, welche die Produktion von Texten in den letzten 100 Jahren so grundlegend verändert haben und den Autor letztlich als »wahren« Helden der erzählten Geschichte offenbaren. So kann die Apokalypse des Filmemachers Coppola zu seiner Wiedergeburt werden. Nichts anderes wird hier dokumentiert. 2012-03-29 09:03

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