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Le Mystère Picasso

F 1955. R,B: Henri-Georges Clouzot. K: Claude Renoir. S: Henri Colpi. M: Georges Auric. P: Filmsonor S.A.
75 Min. Zweitausendeins ab 12.12.11

Sp: Französich (DD 1.0). Ut: Deutsch. Ex: keine.

Picasso im Kristallbild

Von Maxi Braun Biopics über Maler erfreuen sich ungebrochener Beliebtheit. Ob Jan Vermeer, Jean-Michel Basquiat oder Jackson Pollock – das Schaffen jeglicher Epochen und Stilrichtungen wird von der kleinen für die große Leinwand adaptiert. Häufig bilden die Gemälde jedoch nur das Passepartout für die sich davor abspielenden, persönlichen Dramen und Eskapaden des Privatlebens. Sexuelle Entgleisungen, Abgründe von Drogensucht oder ein tragischer Tod sind durchaus erwünscht, Voyeurismus statt Werkschau. Auch sich selbst als solche deklarierende Dokumentarfilme versuchen sich häufig über das Privatleben dem jeweiligen Künstler anzunähern. Dabei ist das Medium Film wie kein zweites in der Lage, neben dem bloßen Abfilmen von Gemälden auch den flüchtigen Moment der Schöpfungskraft einzufangen, wodurch der Malerei eine neue Dimension verliehen wird und man dem künstlerischen Geist wirklich nah kommt. Einige solcher extrem raren Augenblicke generiert Julie Taymors Frida, in dem tableaux vivants mit den Lebenssituationen der mexikanischen Ikone zu surrealistischen Situationen verschmelzen. Ein weiteres Beispiel ist Carlos Sauras Goya, wo der Wahnsinn in Form der gequälten Personage der »Pinturas negras« von den Wänden hinab steigt und dem Titelhelden psychisch zu Leibe rückt.

Das bisher kühnste Wagnis, allein die Schöpfungen für den Schöpfer sprechen zu lassen, liegt allerdings schon 50 Jahre zurück. Zwischen 1952 und 1956 experimentierten der Regisseur Henri-Georges Clouzot und Pablo Picasso in dessen Atelier. Heraus kam mit Le Mystère Picasso der auch anno 2012 unerreichte Versuch, das Medium Film mit dem der Malerei in einer einzigartigen Synthese zu verbinden.

Clouzot, auch als »französischer Hitchcock« für Thriller wie Lohn der Angst oder Die Teuflischen bekannt, hatte zugegebenermaßen den Vorteil, mit Picasso einen schon zu Lebzeiten zur Legende gewordenen Künstler persönlich vor die Kamera zu bekommen, mit dem ihm zum Zeitpunkt der Dreharbeiten bereits eine gut 30 Jahre währende Freundschaft verband. Dieses wechselseitige Vertrauen merkt man Le Mystère Picasso in jeder Einstellung an. Einen Blick über die Schulter des spanischen Malers zu erwarten würde dagegen enttäuschen, denn Picasso ist in dem 75-minütigen Opus nur äußerst selten sichtbar, zumindest nicht direkt. Anders als in dem 1949 entstandenen, belgischen Kurzfilm Bezoek aan Picasso von Paul Haesaerts, der Picasso in Schwarzweißbildern aus ehrfürchtiger Distanz beobachtet, erlebt man in Clouzots Werk, wie Skizzen scheinbar aus dem Nichts heraus entstehen und wieder verschwinden, wenn sie sich in detaillierte Gemälde verwandeln. Diese flüchtige Vergänglichkeit, die jedem einzelnen Stadium des künstlerischen Entstehungsprozesses innewohnt, all die Entwürfe, die dem fertigen Bild für immer geopfert werden müssen, bannt Clouzot erstmals für die Ewigkeit. Hierfür bedient er sich einer damals äußerst modernen Technik. Unsichtbar durch das starke Seitenlicht vor einer halbtransparenten Leinwand bleibt uns der spiegelverkehrt arbeitende Picasso verborgen, während wir der Manifestation seiner Kreativität unmittelbar beiwohnen.

Unterbrochen werden diese faszinierenden und mehrstündigen Sitzungen, die Clouzot mittels Montage in kompakte Sequenzen zu komprimieren vermag, nur selten. In diesen kurzen Pausen sinniert Picasso über seine Kunst oder Clouzot bespricht sich mit seinem Kameramann Claude Renoir. Das »Mysterium« Picasso präsentiert sich in diesen Szenen entgegen aller Legenden um cholerische Wutausbrüche ausgesprochen unkompliziert und professionell, einzig dem Pinsel und der jungfräulichen Leinwand ergeben. Ganz nebenbei bricht die Diegese auf und wir finden uns im hors-champ der Dreharbeiten wieder, beobachten wie die letzten Meter Zelluloid durchlaufen und erhalten nicht nur Einblicke in Picassos Kunst, sondern auch in den Entstehungsprozess des Films selbst. All diese Szenen im Atelier sind in schwarz-weiß gehalten, die Farbexplosionen den jeweiligen Bildern vorbehalten. Der einzige Wehrmutstropfen ist, daß kaum eines der Werke den Dreh überlebte und alle getreu dem Vanitas-Credo schöpferischer Kraft vernichtet wurden. Die finale Strandszene, die sich vor unseren Augen immer wieder verändert und von der man jedes Einzelstadium für sich genommen rahmen könnte, wird aufgrund Picassos Unzufriedenheit gleich mehrfach radiert, geschwärzt und ausgelöscht.

Einen ähnlich intensiven Film über Picasso oder irgendeinen anderen Vertreter bildender Kunst hat es auch in dem darauffolgenden, halben Jahrhundert Filmgeschichte nicht gegeben. Wollte man Clouzots Meisterwerk überhaupt mit irgendetwas vergleichen, böte sich allenfalls die als »Lichtbilder« zu Ruhm gelangte Photoserie von Gjon Mili an. In totaler Dunkelheit mit extremem Blitz gefertigt, konserviert auch dieser in Mehrfachbelichtung die verschiedenen Pinselstriche Picassos und gewährt einen flüchtigen Blick auf dessen Genialität. Die Vollendung der mit Gilles Deleuze gesprochenen, direkten Abbildung von Zeit fand Picasso aber erst in der Kooperation mit Clouzot. Weder muß man daher Picasso, noch die moderne Kunst als solche schätzen oder wissen, worum es sich bei der blauen Periode oder dem Kubismus handelt, um Le Mystère Picasso zu lieben. 2012-03-30 09:47

Info

Die Zweitausendeins Edition Dokumentation 05 der DVD ist über die Website www.zweitausendeins.de zu beziehen.
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