Neu aufgelegt
Von Jesko Jockenhövel
Während sich rund um das Vermächtnis des Dichters, Filmemachers, Dramatikers, Malers, ja eigentlich Rundum-Künstlers Jean Cocteau in Frankreich fast eine eigene Industrie entwickelt hat, kann man konsternieren, daß Cocteau in Deutschland zwar bei weitem kein Unbekannter, aber doch etwas in Vergessenheit geraten ist. Gerade weil er so eine singuläre Erscheinung ist, ist er besonders für die Filmgeschichtsschreibung schwer zu fassen, da er sich keiner Strömung wirklich zuordnen läßt. Fast hat man ein eigenes Genre für ihn erfunden: Den poetischen Märchenfilm, zu dem auch seine Hauptwerke
Die Schöne und die Bestie (1946),
Orphée (1950) und
Le Testament d’Orphée (1960) gehören. Letzterer ist in Deutschland nicht auf DVD erhältlich und bezeichnenderweise gibt es für die beiden Orpheus-Filme nicht mal Wikipedia-Einträge. In Frankreich c’est impossible! Das zurückhaltende Interesse mag aber eben auch auf Cocteaus multiple Künstlerpersönlichkeit zurückgehen. Durch das Konvolut verschiedenartigster Werke, von dem seine Filme zwar einen prominenten, aber letztendlich marginalen Teil ausmachen, fällt es schwer ein einheitliches Bild zu formen und das filmische Werk ohne den Bezug zu seinen anderen künstlerischen Tätigkeiten zu verstehen.
Um so verdienstvoller ist es, daß das Münchener DVD-Label Alamode den hierzulande sicherlich bekanntesten Cocteau-Film
Die Schöne und die Bestie (auch bekannt als
Es war einmal) aufwendig in einem 3-Disc-Paket neu veröffentlicht hat, bestehend aus dem Film auf Blu-Ray und DVD sowie einer Zusatz-DVD mit interessanten Extras. Dazu zählt eine halbstündige Dokumentation über die Entstehung des Films, in dem diverse Kollaborateure zu Wort kommen. Insbesondere die Ausführungen des später höchst erfolgreichen Kameramanns Henri Alekan sind aufschlußreich, wenn er über die innovativen Filmtricks sowie die Einflüsse der holländischen Meister auf die Ausleuchtung des Sets erzählt. Ein spannender Audiokommentar des englischen Film- und Pophistorikers Christopher Frayling, der leider ohne Untertitel vorliegt, komplettiert die ansprechende Präsentation von Cocteaus Klassiker.
Cocteaus poetische Fantastik bezieht sich vor allem auf die literarische Romantik von Goethe, E. T. A. Hoffmann, Coleridge oder Baudelaire. So gibt es auch wenige Bezüge zum amerikanischen fantastischen Film á la
Frankenstein, in denen die Kreatur zwar auch mit Sympathie ausgestattet, die Metaebene aber doch vernachlässigt wird.
Die Schöne und die Bestie ist dagegen als alles Mögliche gedeutet worden: Der Zustand Frankreichs am Ende des 2. Weltkrieges, als Verdrängung der Sexualität in der bürgerlichen Gesellschaft, als Reflektion des Kunstprozesses. Von Sartre mit dem Vorwurf konfrontiert, in eine Märchenwelt zu entfliehen, anstatt sich politisch zu positionieren, hat Cocteau – nicht nur in seinem filmischen Werk – allerdings ein komplexes Bezugssystem erschaffen, in dem der Autor letztlich der finale Referenzpunkt bleibt. Für Cocteau dürfte das Medium Film, und
Die Schöne und die Bestie war im Alter von 57 Jahren sein erster Spielfilm als Regisseur, auch vor allem deshalb interessant gewesen sein, weil hier die verschiedensten künstlerischen Formen vom Theater über die Malerei bis zur Poesie zusammengebracht werden können. Als quasi Debütant war er jedoch auf die Einflüsse seines Teams angewiesen, was insbesondere für die Filmtricks, Kameraarbeit und allgemein die »Regeln« des Filmemachens gilt. So ist
Die Schöne und die Bestie auch irgendwie ein Zwitterwesen zwischen klassischem Filmemachen, der Fantastik der Story und Cocteaus Künstlerpersönlichkeit. All das lohnt es sich jetzt wieder auch außerhalb Frankreichs neu zu entdecken.
2012-01-10 08:28