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Cold Weather

USA 2010. R,B,S: Aaron Katz. B: Brendan McFadden, Ben Stambler. K: Andrew Reed. M: Keegan DeWitt. P: Parts and Labor, Parts and Weather, White Buffalo Entertainment. D: Cris Lankenau, Trieste Kelly Dunn, Raúl Castillo, Robyn Rikoon, Jeb Pearson, Brendan McFadden u.a.
96 Min. Axiom Films ab 23.5.11

Sp: Englisch (DD 5.1). Ut: Englisch. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Audiokommentar, Featurette, alternatives Ende, Bildergalerie, Trailer.

Zurückhaltung überall

Von Sascha Ormanns Die Kamera fotographiert ein von Regentropfen behangenes Fenster, die Filmcredits laufen begleitet vom musikalischen Titelthema durchs Bild, hinter der Scheibe: zunächst Unschärfe. Eine gelungene Einleitung für einen Film, der sich viel Zeit nimmt, seine Figuren sukzessive und ausführlich zu entwickeln, nämlich fast die Hälfte seiner Laufzeit – er gibt immer mehr von ihnen preis. Und man glaubt es Cold Weather einfach, irgendwie fühlt sich alles echt an, diese Menschen könnten genauso in der Realität existieren. Selbst die mysteriösen, unerwarteten Wendungen fügen sich nahtlos in diese lebhafte Welt ein. Die Handlung entwickelt sich hier insgesamt weniger aus einer klassischen Erzählstruktur heraus als aus den Figuren und ihren Beziehungen zueinander. Die gesamte Komposition von Cold Weather unterliegt einem bedächtigen Rhythmus: Die Inszenierung wirkt angenehm zurückgenommen, die Schnittfrequenz ist erfreulich niedrig und Andrew Reeds Bilder sind von einer klugen Durchdachtheit. Eine solche filmische Herangehensweise, die meist mit sehr geringen Budgets einhergeht, wird innerhalb des amerikanischen Independent-Films seit 2002 dem Genre »Mumblecore« zugeordnet. Jay und Mark Duplass’ Cyrus und Noah Baumbachs Greenberg zählen ebenso zu Vertretern dieser Bewegung wie kleine, unbekanntere Independent-Filme wie Joe Swanbergs Hannah Takes the Stairs und Andrew Bujalskis Funny Ha Ha, der als erster Mumblecore- Film überhaupt gilt.

Aaron Katz hat in einem Interview zu Cold Weather einmal gesagt: »All I’m trying to do is make an as-accurate-as-possible reflection of what I see around me«. Und das ist ihm hier fabelhaft gelungen. Katz’ neuer Indiefilm ist einfach auf viele verschiedene Weisen interessant: Sei es der mysteriös-experimentelle Einfluß der Detektivgeschichte in der zweiten Hälfte, sei es sein impliziter Slackerhumor oder nicht zuletzt seine subtil-feinfühlige und detailverliebte Art. Cold Weather verdankt vieles seinen allesamt tollen, natürlichen Schauspielern, denen es nicht nur mühelos gelingt, das Alltägliche alltäglich aussehen zu lassen, sondern ebenso eine unvermittelte Sympathie zu erzeugen, so daß man einfach mehr über sie erfahren möchte. Cold Weather ist dabei zu jeder Zeit glaubwürdig, fern jeglicher Über-Dramatisierung und wirft einen intimen und ausdifferenzierten Blick auf einen überschaubaren, fast familiären Figurenkosmos. 2011-12-29 09:51

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #64.
© 2012, Schnitt Online

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