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Chopper

AUS 2000. R,B: Andrew Dominik. K: Geoffrey Hall, Kevin Hayward. S: Ken Sallows. M: Mick Harvey. P: Pariah Films. D: Eric Bana, Vince Colosimo, Simon Lyndon, Kate Beahan, David Field, Daniel Wyllie, Bill Young, Kenny Graham u.a.
90 Min. EuroVideo ab 11.8.11

Sp: Deutsch, Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch, Englisch. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: Making of, Deleted Scenes, Zwei Audiokommentare, Dokus, Trailer.

A bloody normal bloke who likes a bit of torture

Von Martin Holtz Australische Kultur hat ein Faible für Gesetzesbrecher. Das hat historische Gründe. Schließlich waren es die als Schwerbrecher nach Australien verbannten Iren, die im 19. Jahrhundert maßgeblich die Unabhängigkeit des Landes von der verhaßten britischen Kolonialmacht erkämpften. Bankräuber Ned Kelly wird bis heute als Nationalheld verehrt und wurde zuletzt 2004 im Kino, dargestellt von Heath Ledger, als familienorientierter Freiheitskämpfer verklärt.

Mark Brandon Read, Spitzname »Chopper«, ist einer der berüchtigtsten Kriminellen der jüngeren australischen Geschichte. Seine Verbrechen richteten sich fast ausschließlich gegen andere Kriminelle, die er vorzugsweise mit einem Schneidbrenner oder Bolzenschneider folterte und verstümmelte. Im Gefängnis, wo er die meiste Zeit seiner aktiven Karriere verbrachte, zettelte er diverse Bandenkriege an, in denen er nicht minder zimperlich mit seinen Opfern umging. Nach wachsendem Medieninteresse begann er irgendwann, Bücher über seine Verbrecherkarriere zu schreiben, in denen er sich offensiv als schillernder Gewalt-Guru vermarktete. Bis heute hat er über 500.000 Bücher verkauft, betreibt eine Website und verkauft Fanartikel, hat sich mittlerweile aber aus der Unterwelt zurückgezogen und lebt auf seiner tasmanischen Farm. Chopper ist eine Kultfigur.

Angesichts solcher Kontexte müßte man befürchten, daß der Film Chopper als ein weiteres Medium für die Verherrlichung des Gangsters herhalten muß. Dies ist zum Glück nicht der Fall. Stattdessen entglorifiziert Regisseur und Drehbuchautor Andrew Dominik, wie auch in seinem Nachfolgefilm The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford, den selbststilisierten Outlaw und portraitiert ihn als paranoiden, psychopathischen Egomanen. Ohne vordergründig zu urteilen, entlarvt der Film verführerische Allmachtsfantasien und rebellischen Trotz als asoziale Aggression und psychologisches Defizit und reflektiert dabei auch noch die Rolle der Medien als Mitschuldige am pervertierten Ruhmesstreben des Kriminellen.

Der Film wird konsequent aus der Perspektive des Protagonisten erzählt. Die subjektive Wahrnehmung der Umgebung wird durch den Kontrast von steriler und intensiver Farbgebung, dem originellen Gebrauch von Zeitrafferaufnahmen und beengten Bildkompositionen suggeriert. Ein großes Plus ist Eric Bana in seiner Durchbruchsrolle, der in einer energischen Darbietung als furchteinflößendes, vor aggressiver Männlichkeit triefendes, speckiges Machoarschloch trotzdem immer wieder Sympathie gewinnen kann. Das erreicht der Film durch die psychologische Komplexität des Charakters. Chopper provoziert die rabiaten Gewaltausbrüche selbst, indem er seine Paranoia auf andere Charaktere projiziert. Immer wieder attackiert er frühere Opfer, die er für seine eigenen Schuldgefühle verantwortlich macht, nur um gleich danach hastig um Verzeihung zu bitten. Dieses schizophrene Verhältnis von Reue und Verachtung seinen Freunden wie Feinden gegenüber macht ihn zu einem unberechenbaren Pulverfass, das unversehens mit Gewalt gegen sich und andere explodieren kann.

Die paranoide Erschaffung einer bedrohlichen Umgebung geht einher mit einer ständigen Verzerrung der Realität, wann immer Chopper genötigt ist, zu seinen diversen Gewaltakten Stellung zu beziehen. Mal sei er zur Selbstverteidigung gezwungen worden, mal sei er gar nicht anwesend gewesen, und der Film liefert die entsprechenden Bilder dazu. So erreicht der Film nicht erst gegen Ende, wenn Choppers medienwirksame Ruhmsucht thematisiert wird, eine Metaebene, die die mediale Verzerrung von Realität kritisch reflektiert. Schon ganz am Anfang informiert uns ein Titel über die »narrativen Freiheiten«, die der Film sich nimmt. Bezeichnenderweise bekräftigt im Audiokommentar der DVD der echte Chopper, daß 95% der Handlung der Wahrheit entsprechen. Genau wie der echte Chopper fabriziert der Filmcharakter seinen eigenen Mythos mithilfe der Medien. In einer symptomatischen Einstellung wird sein grinsendes Konterfei im Kameraobjektiv einer TV Crew reflektiert. Doch hinter dem Image des Outlaws steckt letztlich nur ein trauriger Fleischkloß, dessen einzige Freude es ist, sich in seiner Gefängniszelle mit zwei Wärtern seine eigenen Fernsehinterviews anzuschauen. 15 Minuten später ist selbst das vorbei. Keine Läuterung, kein Heldentod wie bei Ned Kelly, der Film endet wie er beginnt, ohne daß sich eine charakterliche Entwicklung vollzogen hat.

Die interessantesten Extras der DVD sind die, in denen Mark Read selbst zu Wort kommt. Das sind neben dem Audiokommentar ein paar Aufnahmen von einem Gespräch mit Regisseur und Hauptdarsteller, in denen er sich getreu seinem Motto »Never let the truth get in the way of a good yarn« als erwartet unterhaltsamer Geschichtenerzähler und Selbstdarsteller preisgibt. Ein zweiter Audiokommentar von Regisseur Dominik schlüsselt die psychologischen Nuancen des Charakters auf, leidlich interessante Aufnahmen vom Dreh und zusätzliche Szenen runden die DVD ab. 2011-12-02 15:25

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