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In einer besseren Welt

Hævnen. DK/S 2010. R: Susanne Bier. B: Anders Thomas Jensen. K: Morten Søborg. S: Pernille Bech Christensen, Morton Egholm. M: Johan Söderqvist. P: Zentropa International Köln. D: Mikael Persbrandt, Trine Dyrholm, Ulrich Thomsen, Markus Rygaard, William Jøhnk Nielsen, Bodil Jørgensen, Elsebeth Steentoft, Martin Buch u.a.
113 Min. Universum Film 2.9.11

Sp: Deutsch, Dänisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: keine.

Auge um Auge oder andere Wange

Von David J. Lensing Das Unangenehme angenehm zu finden, ist den Masochisten und Filmfreunden vorbehalten – wenn der Schlag ins Gesicht sitzt und ein aufregendes Kribbeln hinterläßt. »Little pussy, big knife« ist so ein Schlag. Mit dieser Dialogzeile treibt ein afrikanischer Sadist die spannende Konfrontation seiner selbst mit dem Arzt eines Flüchtlingscamps zur Eskalation. Was folgt, ist ein unangenehmer Höhepunkt in der neusten Zusammenarbeit von Regisseurin Susanne Bier und Drehbuchautor Anders Thomas Jensen – einer von vielen Höhepunkten, denn mit In einer besseren Welt backt das dänische Künstlerduo dieses Mal ganz große Brötchen.

Natürlich ist es ein Familiendrama, etwas anderes sind wir von Susanne Bier gar nicht gewohnt. Daß sie dieses Genre verinnerlicht hat, meisterlich beherrscht und dabei stets eine abwechslungsreiche Handschrift behält, davon zeugt ihre Filmographie, die vom Dogma-Beitrag bis zum Hollywood-Ausflug lauter kleine Perlen umfaßt. Der 2006 entstandene Nach der Hochzeit kommt dem neusten Streich dabei am nächsten, sieht ähnlich aus, trifft einen ähnlichen Ton, überschreitet die geographischen Grenzen zwecks kulturellen Kontrastprogramms – doch es geht nur um Jacob, der sich entscheiden muß, ob er den indischen Waisenkindern besser vor Ort oder aus der eigenen Heimat helfen kann. Das konkrete Problem einer konkreten Figur. Der Rahmen ist überschaubar abgesteckt. Mit In einer besseren Welt geht es Bier und Jensen um mehr. Mehr Figuren, mehr Probleme, mehr Bedeutung. Das ambitionierte Vorhaben befaßt sich mit dem universellen, stets aktuellen Thema Gewalt: wie gehe ich ihr aus dem Weg, wie begegne ich ihr, wenn eine Konfrontation unausweichlich ist? Die Message ist denkbar banal: Gewalt erzeugt Gegengewalt – die altbekannte Spirale.

Daß dieser Film viel Angriffsfläche bietet, ist klar. Als Abräumer von Golden Globe und Oscar für den Besten fremdsprachigen Film scheint er gezielt dafür gemacht worden zu sein. Ein Film für die Academy. Ein Prestige-Projekt. Entweder das oder blinde Überheblichkeit möchte man Susanne Bier vorwerfen, wenn sie es wagt, ihr so gekonnt inszeniertes, intimes Familiendrama aus den Angeln zu heben und in einen größeren, generationen- und länderübergreifenden Zusammenhang zu stellen. Ganz offen setzt sie sich in ihrem Werk mit den biblischen Ansätzen auseinander: Auge um Auge oder die andere Wange? Beide Lager werden einander gegenübergestellt, nicht nur in Form besagten Arztes, der sich der anscheinend omnipräsenten Gewaltfrage in Afrika stellen muß – auch sein Sohn Elias in der dänischen Heimat, von den Mitschülern gemobbt, von den Eltern vernachlässigt, weiß keine Antwort. Er läßt sich von Schulfreund Christian, der nach dem Krebstod seiner Mutter den Bezug zu seinem Vater verloren hat, zu einer üblen Racheaktion hinreißen, einem dummen Jungenstreich mit verheerenden Folgen. Insgesamt greift In einer besseren Welt in zwei zentralen Plots zahlreiche Probleme zahlreicher Protagonisten auf.

Es scheint, als wolle In einer besseren Welt in der Liga großer Werke spielen, nicht ganz so pessimistisch wie Alejandro González Iñárritus Gewalt-Trilogie, nicht ganz so episch wie Paul Thomas Andersons Magnolia, aber es paßt, man kann Detective Somerset aus Sieben zitieren, der Ernest Hemingway zitiert – »»Die Welt ist schön und wert, daß man um sie kämpft«. Letzterem stimme ich zu« – und annehmen, daß Bier diesen Kampf auf Celluloid austragen möchte. Ihre ambitionierte Parabel von Vergeltung und Vergebung, von Leben und Tod, davon wie es ist und wie es sein sollte, hat das Ziel, Gedanken ins Rollen zu bringen und den geneigten Zuschauer dazu zu motivieren, die eigenen, moralischen Maßstäbe zu überdenken. Ein nobles Anliegen, das bei der breiten Masse Anklang finden wird – denn In einer besseren Welt ist kein verkopftes Kino mit erhobenem Zeigefinger, sondern schlichtweg zwei Stunden gute Unterhaltung auf hohem Niveau. Also alles, was man von einem Film will, mit Option auf mehr. 2011-11-08 15:34

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