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Ringo

Stagecoach. USA 1939. R: John Ford. B: Ernest Haycox, Dudley Nichols, Ben Hecht. K: Bert Glennon. S: Otho Lovering, Dorothy Spencer. M: Gerard Carbonara. P: Walter Wanger Productions. D: John Wayne, Claire Trevor, Thomas Mitchell, Andy Devine, John Carradine, George Bancroft u.a.
88 Min. Kinowelt ab 4.8.11

Sp: Deutsch, Englisch (DD 2.0 Mono). Ut: Deutsch. Bf: 4:3 Vollbild. Ex: Wendecover.

Gegen den Strich

Von Tina Hedwig Kaiser Das Setting: eine Postkutsche, gefüllt mit einem Haufen Passagiere, die nicht mit und auch nicht ohne einander können, muß die Wüstengegend nach New Mexico durchqueren. Das Problem: Geronimo und seine Apachen befinden sich auf dem Kriegspfad. Die Frage: Wird den Reisenden die Durchquerung der Wüste gelingen? Natürlich gibt es die Bardame, den Spieler, den Kutschenfahrer, die Schönheit, etc. Doch Ford bürstet die Klischee-Figuren gegen den Strich. Die herausstechendste Figur ist der Trinker und Arzt »Doc« Boone (Thomas Mitchell). So tragisch er in seiner Sucht ist, so genial ist er doch als Arzt und Menschenkenner. Mitchell erhielt verdient den Oscar als bester Nebendarsteller. John Wayne, noch sehr jung, ist natürlich auch dabei – seine Ringo-Figur wird unschuldig des Mordes verdächtigt und will Rache an den tatsächlichen Mördern nehmen. So reisen sie alle vorbei an bizarren Felsen unter wolkenträchtigen Himmeln und werden ab und an zu Knöpfen in der Landschaft.

»Ford, Ford und Ford« – so soll Orson Welles auf die Frage nach den drei größten Filmregisseuren geantwortet haben. Und auch dem Drehbuch von Citizen Kane soll eine vierzigfache Sichtung von Stagecoach vorausgegangen sein. Das atemberaubende des Fordschen Meisterwerks ist u. a. die Kameraarbeit von Bert Glennon und Ray Binger, die viele Fahrtaufnahmen mitten im Monument Valley realisiert haben und die Kamera direkt in das Geschehen brachten. So löst eine fahrende Perspektivsicht auf die Kutsche von hinten einen damals unüblichen Sog ins Bild hinein aus und steigert die Handlung – kurz darauf werden erstmals Indianer auftauchen. Froschperspektiven sorgen dafür, ein Gefühl für den Staub und die Geschwindigkeit zu bekommen. Frühe haptische Kinoaufnahmen also. Das zweite atemberaubende sind die Stunts: Während der Verfolgung springt ein Indianer auf die Pferde der Kutsche, dann hängt er zwischen ihnen und geht zu Boden. Die Pferde und die Kutsche preschen über ihn hinweg. Er steht auf. Außergewöhnlich: Wir sehen genau das, denn der Schwenk bleibt beim abgeschüttelten Indianer. Der anschließende Stunt des Wayne-Doubles wirkt nahezu müde dagegen. Ford macht klar, wie viel ihm an der Darstellung der Landschaft – und auch seiner Ureinwohner – gelegen ist. Das Land, seine Weggabelungen, Horizonte und Flüsse prägen die Dramaturgie – genauso wie der wiederaufstehende Indianer, der nicht weggeschnitten wurde. 2011-11-03 09:37

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #63.

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