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Leben und Tod einer Pornobande

Život i smrt porno bande. SRB 2009. R,B: Mladen Djordjevic. K: Nemanja Jovanov. S: Marko Glusac, Milina Trisic. P: Film House Bas Celik. D: Mihajlo Jovanovic, Ana Jovanovic, Predrag Damjanovic, Radivoje Kneževic, Ivan Ðordevic, Srdan Miletic, Bojan Zogovic u.a.
107 Min. Bildstörung ab 1.7.11

Sp: Serbisch (DD 5.1, DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: Audiokommentar, Making of, Interviews, Deleted Scenes, Bildergalerie, Kurzfilm, umfangreiches Booklet.

Die totale Nutzbarmachung

Von Robert Cherkowski Als Russ Meyer in seiner prophetischen Hellsicht damit begann, die Kopulationsszenen seiner roughen Sexmärchen mit Szenenfragmenten aus Industriefilmen zu versetzen, war es für ihn wahrscheinlich nur ein guter Gag zwischen riesigen Hupen. Wie recht er seinerzeit doch hatte mit der assoziativen Verquickung intimer Vereinigung zweier Körper und wirtschaftlicher Nutzbarmachung. Heutzutage bringt die Pornobranche keine Stars mehr hervor, sondern lediglich personifizierte Marken, deren Körper wie ein Rohstoff verbraucht werden. Die Monopolisierung des Triebs ist vollzogen und kaum irgendwo ist sie so traurig anzuschauen wie in der berüchtigten serbischen Pornoszene. Wo in amerikanischen Produktionen oft unwirklicher Hochglanz vorherrscht, der das Geschehen beinahe in die Nähe der Pop-Art rückt, zeigt sich in serbischen Produktionen das zynische Janusgesicht der Szene am deutlichsten. Pornographie und Prostitution geben sich hier die Klinke in die Hand. Schmucklos und völlig frei von jedem erotischen Anflug.

Marko ist ein junger Filmstudent, der mit seiner Idee, künstlerisch ansprechendes Genrekino im Nachkriegsserbien umzusetzen, überall auf Ablehnung stößt. Seine Abenteuerlust führt ihn ins Pornobusiness, wo er für einen windigen Produzenten (inklusive Schmerbauch und Oberlippenbart) drauf halten muß, wenn sich Hausfrauen die Kasse aufbessern. Doch auch dort packt ihn nach kurzer Zeit der künstlerische Ehrgeiz. Von lebenshungrigem Wahnwitz angestachelt kapert Marko einen Kleinbus und macht sich mit einer exhibitionistisch-oversexten Clique aus Strichern und Prostituierten auf den Weg in die Provinzen, in denen er das erste »Porno-Wandertheater« zur Aufführung bringt. In vielen Momenten wirkt Leben und Tod einer Pornobande dabei wie eine Hardcore-Variante von Stephan Elliots queerem Road-Movie Priscilla – Königin der Wüste. Die Shows – vor improvisierter Kulisse stattfindende Sex-Fabeln – geizen dann auch nicht mit nackten Tatsachen und offenen Attacken auf heteronormative Machtstrukturen. Ähnlich wie die freiheitsliebenden Vagabunden aus Easy Rider stoßen auch hier die Protagonisten dabei nicht nur auf Gegenliebe. Als die Gruppe von einem Mob brutaler Dorfbewohner im tiefsten Wald zu den traurig-trashigen Klängen eines Balkanschlagers – eine der unheimlichsten Szenen des Films – vergewaltigt wird, ändert sich der Tonfall entschieden. Die unschuldigen Utopien sexueller Freiheit und Grenzüberschreitung weichen offenem Haß und skrupellosen Überlebenskampf: Marko wandelt sich zum Regisseur von Snuff-Filmen.

Seine Darsteller muß er jedoch nicht entführen, die Unglückseligen kommen aus freien Stücken zu ihm. Meist sind es Veteranen des Kosovo-Krieges. Ohne Gegenwehr lassen sich die Opfer vor Markos Kamera nieder und setzen sich den Messern, Sägen und Vorschlaghämmern der Pornobande aus, die ihre Rolle als Freaks nun gegen die der Henker eingetauscht haben. Regisseur Marko schwört auch hier seinen künstlerischen Ambitionen nicht ab. Wenn sowohl der sexuelle Akt, als auch das Sterben, längst zu Konsumgütern verkommen sind, dann sollen sie zumindest schön verpackt sein.

Regisseur Mladen Djordjevic macht sich weniger Illusionen über diese Sehnsucht nach Sinnstiftung. In roher, pseudodokumentarischer Dogma-Optik stürzt er sich in eine Ästhetik des Häßlichen und hetzt seine Figuren durch ein Land, dessen Kriegsnarben tief ins Fleisch gingen und bis heute nicht zu eitern aufgehört haben. In der Provinz und in den Städten haben sich Dämonen eingenistet, die nicht weichen wollen. An den Wohnzimmerwänden der Dorfgemeinschaften hängen noch immer Bilder von Karadžić und seinen Genossen. Die Aufführungen der Pornobande (die auch vor Zoophilie nicht haltmachen) offenbaren sich immer mehr als frommer Versuch, die tief sitzende und gewalttätige Blut-und-Boden-Mentalität des Landes satirisch zu überspitzen und den Teufel der begangenen und erlittenen Gräueltaten der letzten 20 Jahre auszutreiben. Leben und Tod einer Pornobande ist eine furchtlose filmische Reise ins Herz der europäischen Finsternis, die seinen Zuschauern viel abverlangt und beizeiten schmerzt – ein Film, der seine Zähne nicht nur zum Blecken hat, sondern auch entschlossen zubeißt. 2011-10-11 08:25

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