Sandokan – Superbox

Die Rückkehr des Sandokan (D/I 1996), Sandokan – Der Tiger von Malaysia (D/F/E 1975).
690 Min. Koch Media ab 29.4.11

Sp: Deutsch, Italienisch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.33:1. Ex: Exklusiv produziertes Featurette (60 Minuten), Bildergalerie mit seltenem Werbematerial, Super 8-Fassung, Original Kinotrailer, Original Dokumentation inklusive Interview mit Sergio Sollima.

Ein Pirat vor Borneo

Von Tina Hedwig Kaiser Sandokan, der malaysische Volksheld, der Versteher versprengter südostasiatischer Ethnien, der Gegner der Kolonialisten, der Tiger, der Dschungeluntertaucher, der unbezwingbare Kämpfer – es gibt zig Möglichkeiten, Sandokan zu beschreiben. All dies und noch mehr vereint dieser Held vieler deutscher Kindheiten seit den Siebzigern, die in deutschen Wohnzimmern allnachmittäglich der exotischen Serienausstrahlung entgegengefieberten.

Was ein Sehen der DVD-Superbox mit der 1. Staffel Der Tiger von Malaysia (1976) und der Nachfolge Die Rückkehr des Sandokan (1996) doppelt spannend macht, ist allerdings nicht nur der Zeitabstand, sondern die Überraschung, völlig unkonventionelle und manchmal nahezu anarchistische Erzählstruktur und Kameraarbeit vor allem in Der Tiger von Malaysia vorzufinden. Der italienische Regisseur Sergio Sollima hat hierin die Romanvorlage von Emilio Salgari, oft als der Karl May Italiens beschrieben, sehr ernst genommen und dennoch bewußt überarbeitet. Die Kamera Marcello Masciocchis springt zwischen einem nahezu dokumentarischen Handkamerastil, extremen Nahaufnahmen und B-picture-mäßigen Abenteuerfilmklischees. Verwunderlich ist, daß extrem viel Zeit auf die vermeintlich dokumentarische Seite gelegt wurde: hier werden die Inseln, das Meer, der Dschungel und seine verschiedenen Ethnien angehörenden Bewohner gezeigt. Sollima muß vor Ort viele Laien rekrutiert haben. Im auf der DVD vorhandenen Interview schwört er auf ein »asiatisches Zeitgefühl«, das der Erzählstruktur zugrunde liegt. Und tatsächlich: verwundert ist man tatsächlich ob der langen Zeit, in der nicht viel gehandelt wird, aber in der Sandokan einfach unter Seinesgleichen herumlungert, immer mal wieder von den Engländern gefangengenommen wird, oft erniedrigt und wie ein Loser aussehend, und doch geht es immer irgendwie weiter. Im 1. Teil ist daher der heroische Part minimal, er wird mehr von seiner Piratencrew kolportiert, als daß man den Held allzu oft in Aktion sehen würde. Ab und an mal ein Kampf, das muß genügen. Übel mitgespielt von Verbündeten der Kolonialisten wird ihm fortwährend. Mal ist er gefangengenommen, mal ist er krank oder verletzt vom Kampf. Held sein kann er dagegen nicht allzu oft. Hinzu kommt: Sandokan und Borneo – es scheint tatsächlich keine Erfindung zu sein, mag man einer 2003 veröffentlichten Dissertation der Austronestikerin Bianca Maria Gerlich glauben schenken. Ein Pirat namens Sindukung soll hier um 1845 gelebt haben. Es gibt sogar heute noch einen Familienzweig aufzufinden. Weitere Recherchen weisen auch die extrem hohe ethnische Vielfalt auf Borneo auf. So scheint es nicht allzu verwunderlich, wenn es hier tatsächlich einen Robin-Hoodschen Piraten und Völkervereiniger gegen die englischen Kolonialisten namens Sandokan oder »Sandokong« oder »Sindukung« – je nach malaysischem Dialekt – gegeben hat. Steht man auf einer der südlichen kleinen Inseln von Hongkong, z. B. auf Cheung Chau, wird man mittlerweile offiziell ausgeschilderte Piratenhöhlen am Rande des Wanderweges finden können. Das Südchinesische Meer muß voll davon sein. Nicht verwunderlich also, daß so ziemlich geradeaus und etwas weiter südlich über die See direkt Borneos Stadt Sandakan wartet. Klingt also alles wie ein Märchen, ist es aber nicht. Sollima ist es zudem zu verdanken, daß der weibliche Part, ob Fiktion oder nicht, im 1. Teil stärker ausgebaut wurde. Das ist dann eine recht eigensinnige Europäerin, die an der Seite Sandokans den kolonialistischen Machtanspruch des eigenen Landes in Frage stellt. TV-Miniserie – ganz groß. 2011-10-04 09:10

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