— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Pasolinis tolldreiste Geschichten

I racconti di Canterbury. I/F 1972. R,B: Pier Paolo Pasolini. K: Tonino Delli Colli. S: Nino Baragli. M: Ennio Morricone. P: Les Productions Artistes Associés, Produzioni Europee Associati. D: Hugh Griffith, Laura Betti, Ninetto Davoli, Franco Citti, Josephine Chaplin, Alan Webb, Pier Paolo Pasolini, J.P. Van Dyne u.a.
106 Min. Euro Video ab 12.5.11

Sp: Deutsch, Englisch, Italienisch (DD 2.0). Ut: keine. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: keine.

Decameron

Il Decameron. I/F 1970. R,B: Pier Paolo Pasolini. K: Tonino Delli Colli. S: Nino Baragli, Tatiana Casini Morigi. M: Ennio Morricone. P: Produzioni Europee Associati. D: Franco Citti, Ninetto Davoli, Jovan Jovanovic, Vincenzo Amato, Angela Luce, Giuseppe Zigaina, Maria Gabriella Maione, Vincenzo Cristo u.a.
106 Min. Euro Video ab 12.5.11

Sp: Deutsch, Italienisch (DD 2.0). Ut: keine. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: keine.

Erotische Geschichten aus 1001 Nacht

Il fiore delle mille e una notte. I/F 1973. R,B: Pier Paolo Pasolini. K: Giuseppe Ruzzolini. S: Nino Baragli, Tatiana Casini Morigi. M: Ennio Morricone. P: Produzioni Europee Associati. D: Ninetto Davoli, Franco Citti, Franco Merli, Tessa Bouché, Ines Pellegrini, Margareth Clémenti, Luigina Rocchi, Alberto Argentino u.a.
125 Min. Euro Video ab 12.5.11

Sp: Deutsch, Italienisch (DD 2.0). Ut: keine. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: keine.

Was Sie noch nie über Sex wissen wollten…

Von Maxi Braun Sieben Jahre nachdem Anna Magnani in Pier Paolo Pasolinis zweiten Film Mamma Roma die titelgebende Prostituierte nicht zur Zufriedenheit des Regisseurs verkörpert hatte, wagte er sich mit Maria Callas wieder an einen großen Star. Den expressiven Ausdruck der Operndiva zauberte Pasolini in die damals noch touristisch unerschlossenen und daher magischen Landschaften Kappadokiens. Heraus kam ein sperriges Kunstwerk voll künstlicher Archaik und künstlerischer Anarchie, das sein Publikum durch Ton, Narration und Montage gekonnt irritierte. Kurz: Medea fiel beim Publikum durch.

Im Anschluß widmete sich Pasolini daraufhin seiner »Trilogia della vita« bestehend aus den episodenhaften Filmen Decameron, Pasolinis tolldreiste Geschichten und Erotische Geschichten aus 1001 Nacht, die in der Struktur an Woody Allens ungefähr zeitgleich entstandene Posse Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten erinnern. Allen überzeichnet darin satirisch die Absurdität vermeintlicher Abweichungen wie Transvestitismus oder Homosexualität, um den Unsinn normativer Vorstellungen bezüglich einer derart individuellen Sache wie Sexualität zu entlarven.

Die »Trilogia della vita« beruft sich auf literarische Vorlagen aus dem Mittelalter. In Decameron, orientiert an der Novellensammlung Giovanni Boccaccios, wechseln sich komödiantisch-groteske mit tragischen Episoden ab und drapieren sich um den lebensfrohen Sünder Ser Ciappelletto (der unvermeidliche Franco Citti, der in Pasolinis Debut Accattone seine erste Passion erlitt) sowie einen sein Leben der Kunst widmenden Freskenmaler. Pasolinis tolldreiste Geschichten ist die Adaption der Canterbury-Erzählungen Geoffrey Chaucers, in der die einzelnen Geschichten als Zeitvertreib einer Pilgergruppe entstehen, während Erotische Geschichten aus 1001 Nacht die verschachtelte Struktur der Märchen aus 1001 Nacht aufgreift. In zwangloser Reihenfolge begegnen uns sexsüchtige Geister, raffinierte Sklavinnen und immer wieder geile Nonnen. Sex bietet dabei den Nährboden für all die tollen Eigenschaften, die uns Menschen so einzigartig machen, darunter so edle Motive wie Rache, Eifersucht, Verrat und Gier, und auch christliche Moralvorstellungen kriegen ihr Fett weg.

Obwohl Eros und Thanatos wiederkehrende Themen in Pasolinis Kosmos darstellen, sind aus seinen früheren Filmen kaum Sex- oder gar Liebesszenen in Erinnerung geblieben. Deren Inszenierung durch den selbst von gesellschaftlich verpönten Obsessionen Getriebenen wirkte immer wie die schnelle, schüchterne Teenagernummer, die häufig nach wenigen Momenten ausgeblendet wurde. Viel besser gelang es Pasolini, sein Augenmerk auf die sozial geächteten Abweichungen zu richten. Wenn es beispielsweise um Prostitution oder die homoerotisches Einverständnis signalisierenden Blicke zweier Männer ging, vermochte er durchaus subtile Erotik zu generieren.

In der »Trilogia della vita« verläßt er jedoch den grenzenlosen Freiraum, den diese Subtilität unserer kleinen, dreckigen Phantasie bot, und präsentiert uns Sexualität als ungelenkes Befingern von primären Geschlechtsteilen und unbequem aufeinanderliegenden Partnern. Bei aller Unbeholfenheit kann man diesen spontanen bis routinierten, pflichtbewußten bis wollüstigen oder aktiven bis passiven Akten eine gewisse Natürlichkeit nicht absprechen. Freizügig und ohne jede Scheu gibt es reichlich Brüste und noch mehr Penisse zu bewundern, das »Kamasutra« sucht man hingegen vergebens. Der Vorwurf der Softpornographie greift dennoch zu kurz, denn von Oswalt Kolle, der »Eis am Stiel«-Reihe und dem »Schulmädchen-Report« unterscheiden sich die Trilogie-Filme deutlich.

Die sorgfältig komponierte Mise en Scène öffnet uns eine bunte Schatztruhe voller exotischer Orte. Diese fand Pasolini im Iran, in Eritrea, Indien, im Jemen und natürlich in Italien. Ausgeschmückt wurden diese mittels fremdartiger Kostüme, Requisiten und einprägsamer Visagen. Pasolinis Vorliebe für Laiendarsteller, die er auf Streifzügen durch die Homosexuellen-Straßenstriche castete, ist kein Geheimnis. Uns begegnen neben Adonissen auch skurrile Charakterköpfe, die trotz fauler Zähne und schmutziger Finger noch vor Vitalität und dem diskreten Charme der Subalternen sprühen.

Aufgesetzte Fröhlichkeit und burlesker Slapstick, deren Wirkung durch die deutsche Synchronisation (Untertitel gibt die DVD-Box leider nicht her) noch verstärkt wird, machen Decameron, _Pasolinis tolldreiste Geschichten_und Erotische Geschichten aus 1001 Nacht zu den massenkompatibelsten Werken des italienischen Provokateurs. Außerdem brachten sie ihm auf der Berlinale und dem Filmfestival von Cannes höchste Auszeichnungen ein und waren somit bei Publikum und offizieller Kritik gleichermaßen erfolgreich. Dennoch läßt sich in Pasolinis filmischem Zugeständnis an das marketingstrategische Allheilmittel »Sex sells« nach dem kommerziellen Mißerfolg von Medea unterschwellig bereits jener Zynismus hinsichtlich der Menschheit erahnen, der sich in Die 120 Tage von Sodom wenig später eruptiv entladen sollte.

So unverzichtbar die »Trilogia della vita« somit für das Verständnis seines facettenreichen Oeuvres ist, könnte Pasolini bei der Vorbereitung auf seinen letzten Film doch der folgende, dem Marquis de Sade zugeschriebene Aphorismus umgetrieben haben: »Es ist nicht schlimm, wenn man mißverstanden wird, schlimmer ist es, wenn man verstanden wird.« Wie alle Künstler wollte auch Pasolini geliebt werden, aber vielleicht nicht um jeden Preis. 2011-09-16 09:44

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap