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The Other Woman

Love and Other Impossible Pursuits. USA 2009. R,B: Don Roos. K: Steve Yedlin. S: David Codron. M: John Swihart. P: Incentive Filmed Entertainment, Handsomecharlie Films, Is or Isn't Entertainment, Marc Platt Productions. D: Charlie Tahan, Scott Cohen, Natalie Portman, Lisa Kudrow, Anthony Rapp, Lauren Ambrose, Daisy Tahan, Debra Monk u.a.
98 Min. Ascot Elite ab 16.8.11

Sp: Deutsch (DD 5.1, DTS 5.1), Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: Originaltrailer, Trailershow.

Über allem schwebt das Baby

Von David J. Lensing Die Kamera nimmt ein weiteres und endlich letztes Mal die liebsten Requisiten in den Fokus: gerahmte Fotos auf der Kommode zeigen ein Baby, zeigen eine Familie, dahinter hängt eine Kinderzeichnung, zeigt eine Familie, zeigt ein Baby. Fade Out. Schwarzbild. Abspann. Rührseliger Song. Das Licht geht an und dem geneigten Filmkritiker liegt der Zerriß schon auf der Zunge. Er wartet nur so darauf, die ersten Rohentwürfe seiner im Kopf skizzierten Negativkritik abzufeuern, da blickt er in das Gesicht seiner Rotz und Wasser heulenden Freundin – und ist zumindest einem Teil seiner Argumente beraubt. Film ist Kunst ist Geschmackssache, doch bei allem Verständnis für sentimentale Gemüter: The Other Woman – im Original Love and Other Impossible Pursuits – ist kein guter Film von Regisseur Dan Roos, sondern eine traurige Geschichte von Romanautorin Ayelet Waldman.

Thematisch wird eine ganze Bandbreite aufgefahren: Affäre, Scheidung, Eifersucht, Generationskonflikte, Patchwork-Probleme und nicht zuletzt plötzlicher Kindstod. Das Baby. Der Zuschauer lernt es im Zuge einer süßen Fotostrecke von Geburt und ersten Tagen gleich im Vorspann kennen. Danach ist es fort, nach nur einer Woche gestorben, und das Publikum erlebt den ganzen Film über eine vom Verlust traumatisierte Emilia (dargestellt von einer ambitionierten Natalie Portman), die daran scheitert, eine Bindung zu ihrem Stiefsohn aufzubauen respektive die Bindung zu dessen Vater aufrecht zu erhalten. Der Stiefsohn ist ein sozial denkbar inkompetenter Junge, altklug und nervig, dessen Hobby die sadistische Bearbeitung Emilias wunder Punkt zu sein scheint. Der Vater wiederum führt Krieg mit seiner Exfrau und entfremdet sich dabei zusehends von Emilia. Und über jeder Szene schwebt das tote Baby. Selbst in der wortwörtlich eingebetteten Rückblende vom Kennenlernen Emilias und des verheirateten William bis hin zu dessen Scheidung ist Emilia nie die junge Harvard-Absolventin, die angehende Anwältin, die heimliche Geliebte – sondern die Frau, die ein Kind verlieren wird. Später die Frau, die ein Kind verloren hat. Diese subtile Allgegenwärtigkeit des toten Babys nutzt Regisseur Dan Roos für den weniger subtilen Einsatz rührseliger Musik, um jede Sequenz mit einem tragischen Höhepunkt abzuschließen. Ein Prinzip, das ins Nachmittagsprogramm der Privatsender gehört, nicht auf die große Leinwand – wo der Streifen auch nicht gelandet ist.

Von den sechs Filmen, in denen Natalie Portman in den letzten zwei Jahren (!) tragende Rollen spielte, ist diese Direct-to-DVD-Produktion eher als Flop zu werten. Masse statt Klasse kann man Portman nicht vorwerfen, immerhin hat sie nicht zuletzt in Black Swan eine großartige Performance geliefert. Gegen ein mittelklassiges Drehbuch gepaart mit einer Inszenierung im Soap-Format läßt sich eben nicht anspielen. Das gilt auch für die zu Abziehbildern verkommenen Rollen von Lisa Kudrow und Lauren Ambrose. Wer halbwegs darauf achtet, bemerkt die Anstrengungen des Casts im Rahmen einer himmelschreiend einfallslosen Inszenierung und ist als Zuschauer verloren. Alle anderen sind zu sehr abgelenkt vom toten Baby.

Denn wie gesagt, der Film ist zwar aus filmkünstlerischer Perspektive eine Durststrecke – doch selbst wenn keine der Figuren sympathisch geraten ist: die Kindstod-Tragödie macht sie zu bemitleidenswerten Menschen. Und daß Mitleid als Motiv genügt, um die Aufmerksamkeit zwei Stunden auf die Verfilmung eines über 300 Seiten starken Romans zu binden, beweisen etliche zarte Gemüter, die dieser Film – beziehungsweise dessen Thema – zu Tränen rührt . Ob die Geschichte von The Other Woman auf Papier besser aufgehoben ist als auf Celluoid? Gemessen an diesem Film ist das leider der Fall. Nicht, weil der Stoff nicht für einen Film taugt – jeder Stoff kann in den richtigen Händen filmreif aufbereitet werden – sondern weil der Film der literarischen Vorlage nichts hinzuzufügen hat, was die Macher wissentlich mit gerade aufdringlich manipulativem Einsatz von Musik zu verbergen versuchen. Subjektives Urteil eines kritischen Betrachters. 2011-09-05 09:36

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