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Ich kann nicht schlafen

J'ai pas sommeil. F/D/CH 1994. R,B: Claire Denis. B: Jean-Pol Fargeau. K: Agnès Godard. S: Nelly Quettier. M: Jean-Louis Murat, John Pattison. P: Arena Films, Orsans, Les Films de Mindif, France 3 Cinéma u.a. D: Yekaterina Golubewa, Richard Courcet, Alex Descas, Béatrice Dalle, Line Renaud, Sophie Simon, Vincent Dupont, Patrick Grandperret u.a.
106 Min. Salzgeber ab 26.4.11

Sp: Deutsch, Französisch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Exklusivtext von Claire Denis.

Paris am Tag und in der Nacht

Von Tina Hedwig Kaiser Claire Denis als die Meisterin des französischen Films zu bezeichnen, gar als die neue alte Grande Dame eines europäischen Films, der sich immer jenseits des Mainstreams bewegt hat und dennoch nicht in die gängigen Kunstfilmfallen getappt ist, wäre vielleicht etwas unoriginell. Nun, so ist es aber tatsächlich – lassen wir also diese Filmkritik unoriginell sein. Denkt man an die frühen 1990er und ihre großartigen Zusammenarbeiten, die mittlerweile eine jahrzehntelange Kooperation geworden sind, mit der Kamerafrau Agnès Godard, dann springt einem insbesondere eine Szene in Erinnerung. Und diese sagt viel über das Gesamtwerk der beiden.

In Us Go Home (1994) steht der noch junge, damals gerade von Claire Denis frisch entdeckte Grégoire Colin in einem vermeintlichen Teenagerzimmer vor der Kamera, ohne daß sich diese von der Stelle bewegen würde. Warum auch. Sie will eine besondere Stimmung im Leben der Figur einfangen und sie schafft das wie keine zweite – eben gerade dadurch, daß sie einfach stehenbleibt und still und unaufdringlich zusieht und ab und an mitschwenkt. Kein Zoom, kein Objektivwechsel, nichts. Sie hält eine angemessene Distanz und läßt uns so gerade umso sprachloser und überwältigter von der Dynamik der Bewegung der Figur selbst sein. Hier gibt es keine Zwischenschnitte, die eine Großaufnahme präsentieren. Das wäre völlig unangebracht. Die ganze Bewegung der Figur wird stattdessen erfaßt, ihr Hin und Her, ihre Hoffnung, ihr Leid und ihr Glück – im simplen Tanz und Mitsingen eines Liedes vor einer braunen 1970er-Jahre-Tapete nebst Bett. Nicht mehr und nicht weniger. Die ungeschnittene Szene dauert eine wunderbare kleine Ewigkeit. Die Echtzeit des Plattenauflegens und Liedhörens. Und sie sagt mehr als tausend Worte über den Zustand der Figur.

So schaffen es Claire Denis und Agnès Godard immer wieder, ihre Schauspieler und vor allem auch Laiendarsteller auf eine besondere Weise einfach nur sein zu lassen. Zumindest scheint dies die Qualität. Man glaubt fast nicht mehr an den nahezu plumpen Begriff der »Rolle«, wenn man Claire Denis‘ Casting betrachtet. Die Rolle als solche wird hinfällig, stattdessen scheint es immer nur gerade diese eine Person, als Typus und Charakter, und keine andere bei ihr für das jeweilige Spiel des Films zu geben. Es ist irre – könnte man sagen – oder einfach noch einmal die Tanzszene aus Us Go Home betrachten: Colin ist hier ganz bei sich, er weiß natürlich, was und wen er spielen soll, und doch erreicht hier die Improvisation etwas nahezu Unspielbares. So macht Denis das mit Alex Descas mittlerweile über viele Jahre hinweg. Und er ist jedes Mal eine weitere perfekte Besetzung in ihren Filmen.

So auch in Ich kann nicht schlafen, der im gleichen Jahr wie Us Go Home entstand. Ein Film, der die Wege einiger Leute im hochsommerlichen Paris kreuzen läßt, dabei Fragmente anreißt, aber keine eingängige Geschichte erzählt. Viel eher geht der Film ganz in den jeweiligen Detailbeobachtungen der Lebensumstände seiner Protagonisten auf: Théo (Descas) und sein jüngerer Bruder Camille (Richard Courcet) schlagen sich als Einwanderer aus Martinique auf sehr unterschiedliche Weise durchs Pariser Leben. Théo ist eigentlich Musiker, der sich und sein Kind mit Handwerkerjobs durchs Leben bringt und von einer Rückkehr nach Martinique träumt. Deshalb aber auch immer wieder im Streit mit seiner Frau (Béatrice Dalle) liegt. Daiga (Yekaterina Golubeva) ist gerade aus Litauen angekommen und weiß noch nicht so recht, wie es weitergehen soll. Sie hofft auf ihre Tante und landet bei deren Freundin als Hotelzimmermädchen. Camille schlägt sich nachts in Schwulenbars mit skurillen Auftritten durch, und was er tagsüber treibt, bleibt lange sein Geheimnis. Alle sind sich hier meist fremd, doch nicht immer. Man kann sich immer noch wortlos an einer Bar treffen und zum Getränk einladen. 2011-08-05 09:23

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