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Clean, Shaven

USA 1993. R,B: Lodge H. Kerrigan. K: Teodore Maniaci. M: Hahn Rowe. S: Jay Rabinowitz. P: DSM III. D: Peter Greene, Alice Levitt, Megan Owen, Jennifer MacDonald, Molly Castelloe, Jill Chamberlain, Agathe Leclerc, Robert Albert u.a.
75 Min. Bildstörung ab 27.5.11

Sp: Englisch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.66:1 anamorph. Ex: Kommentar, Booklet.

The Sound of Violence

Von Asokan Nirmalarajah Ein Fußball knallt gegen die Seitenscheibe. Der nervöse Mann im Fahrersitz fährt erschrocken hoch. Ein kleines Mädchen mustert ihn argwöhnisch durch die Frontscheibe. Hat sie womöglich mitbekommen, wie er sich mit einer Brechstange Zugang zu dem Auto verschafft hat? Er steigt aus dem Wagen und ist für einige Momente nicht mehr im Bild. Undeutliche Schläge und die Schreie einer jungen Mädchenstimme sind zu hören. Der Mann steigt wieder ein und fährt los. Später sieht man, wie er einen schweren Gegenstand, eingewickelt in einer Plastiktüte, in den Kofferraum legt. Was in dieser Szene, was außerhalb des Bildes davor genau passiert ist, bleibt offen – wie so vieles in Clean, Shaven, dem atemberaubend stilsicher und konsequent inszenierten Regiedebüt des New Yorker Filmemachers Lodge H. Kerrigan. Von der Kritik auf den 1994er Filmfestspielen von Cannes als Sensationserfolg gehandelt, avancierte das eindringliche, bedrückende und zutiefst beunruhigende Psychogramm eines Schizophrenen im trügerischen Gewande eines Serienkiller-Thrillers schnell zu einem Geheimtip des amerikanischen Independentkinos, in dem relativ wenig erzählt wird, sich dafür aber ganze Innenwelten vor dem Zuschauer auftun.

Zentrale Identifikationsfigur des kurzen, atmosphärisch dichten Dramas ist ein junger Mann (Peter Greene, einstiges Aushängeschild des Independentfilms mit fulminanten Auftritten in Laws of Gravity, Die üblichen Verdächtigen und Pulp Fiction), dessen gestörte Wahrnehmung seiner Außenwelt auch die nervöse, beklemmende Bild- und Ton-Montage bestimmt. Kerrigan schildert die dissoziative Persönlichkeitsstörung seines Protagonisten in einer aufreibenden Collage aus auditiven Halluzinationen, abrupten Panikzuständen und paranoider Abschottung von anderen Menschen. Die zwei parallelen narrativen Stränge des Films – ein aus der Psychiatrie entlassener Patient auf der Suche nach seiner leiblichen Tochter und ein Polizeidetektiv auf der Spur eines Serienkillers, der kleine Mädchen tötet – bilden dabei nur den dünnen, fragilen Spannungsbogen, auf dem die detailliert dargestellten Symptome hängen. Doch nicht nur der potentiell gefährliche Geistesgestörte, auch der in Notsituationen inkompetente, ängstliche Mordkommissar nimmt seine materielle Umwelt ungewöhnlich intensiv und als beunruhigend wahr: ein karges, postindustrielles Amerika, in dem sich Gewalt und Verwahrlosung an jeder Straßenecke zeigt.

Zuflucht suchen diese zwei rast- und haltlosen Männer in ländlicheren, auf den ersten Blick unschuldigeren Gegenden, wo drei einsame weibliche Figuren auf ihr Erscheinen mit soviel Neugier wie Skepsis reagieren. Vorne weg steht dabei das apathische, in sich gekehrte Mädchen, das weder von der Existenz ihres Vaters, noch von der Sorge ihrer kaltherzigen Großmutter und ihrer unbeholfenen Adoptivmutter um eine mögliche Begegnung von Vater und Tochter weiß. Die letzten Szenen des Films, die zwei verhängnisvolle Begegnungen zeigen, sind dann rührend wie tragisch. Nicht weil man meint, nach der letzten Wendung, die womöglich gar keine ist, zu wissen, ob man den Film über einen psychotischen Killer oder nur dem armen Opfer seiner traurigen Biographie gefolgt ist, sondern weil diese Frage unerheblich geworden ist. Lodge H. Kerrigan, der sich seit diesem furiosen Einstand in einer fast schon Malickschen Zurückhaltung geübt hat und nur drei weitere Filme gedreht hat, von denen vor allem Keane (2004) formale und inhaltliche Parallelen zu diesem Werk aufweist, lädt zur Empathie mit einem Menschen ein, von dem man nicht viel erfährt, aber mit dem man trotzdem mitfühlt, mitleidet und mitfiebert. Das ist oft sehr unangenehm, dank der engagierten schauspielerischen Leistung von Peter Greene, der eine eindrucksvolle Besetzung noch weniger bekannter Mimen anführt, und der mitreißenden filmischen Umsetzung der fahrigen Gedankengänge eines Außenseiters am Rande einer freudlosen, gleichgültigen Gesellschaft.

Die Firma »Bildstörung« bewährt sich mit ihrem Namen als perfekter Verleih für die erste deutsche DVD-Veröffentlichung des Kultfilms, der neben Bildstörungen vor allem auf verstörende auditive und dramaturgische Irritationen setzt. Die Prüfung und Autorisierung dieser Edition durch den Regisseur brachte es allerdings auch mit sich, daß einige der vom Verleih eingeplanten Bonus Features wie z. B. Interviews mit den Machern und Segmente zur Rezeption und Wirkmacht des Films auf Kerrigans Anweisung hin wieder gestrichen wurden. Dennoch handelt es sich um eine gelungene DVD-Auswertung, die neben einem 12seitigen Booklet mit bewundernden Besprechungen des Films von Michael Schleeh und Michael Atkinson vor allem mit einem so unterhaltsamen wie analytischen Audiokommentar von Kerrigan mit Steven Soderbergh als seinem um einiges kundigeren und aufgeweckteren Gesprächspartner punktet. 2011-08-03 09:00
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