Damit ist die Sache für mich erledigt

Coup de tête. F 1978. R,B: Jean-Jacques Annaud. B: Francis Veber. K: Claude Agostini. S: Noëlle Boisson. M: Pierre Bachelet. P: Gaumont International, S.F.P. D: Patrick Dewaere, France Dougnac, Dorothée Jemma, Maurice Barrier, Robert Dalban, Mario David, Hubert Deschamps, Dora Doll u.a.
86 Min. Kinowelt ab 23.6.11

Sp: Deutsch, Französisch (DD 1.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.66:1 anamorph. Ex: Trailer.

Eine gut intrigierte Truppe

Von Alexander Scholz »Man müßte jeden Tag a' Fernsehsendung hab'n, um die Dinge zu korrigieren, die g'schrieben werd'n.« So spricht es Uli Hoeneß als Spieler schon in der Saison 1978/79 in die Kamera, die die Dokumentarfilmer Christian Weisenborn und Michael Wulfes auf ihn richten. Nach einem Schnitt ist kurz darauf sein Mitspieler und Freund Paul Breitner zu sehen, der zu Protokoll gibt, der Uli habe sich bei seinem Auftritt im Aktuellen Sportstudio so gut verkauft, daß er selbst es vor Stolz nicht habe verhindern können, eine Flasche Schampus zu öffnen. Hoeneß Gespür für öffentlichkeitswirksames Auftreten und Breitners naive Großspurigkeit werden in dem inzwischen wieder eigens als »Kult-Fußball-Doku« vertriebenen Film Profis geschickt eingefangen und erweisen sich im Rückblick als Symptome der kommerziellen Eroberung und Selbstvermarktung des Fußballsports Ende der 1970er Jahre. Einer der Protagonisten wird in der Folgesaison Manager des FCB, der andere entschuldigt sich in Interviews inzwischen altersweise für seine in der Dokumentation zur Schau getragene Faszination für die Suche nach Anlässen zum Alkoholgenuß.

Im gleichen Jahr, in dem Hoeneß und Breitner ein so treffendes Bild des Zeitgeistes abgeben, beschäftigt Jean-Jacques Annaud das gleiche Thema. Der Regisseur, der später mit großen Produktionen wie Der Name der Rose oder Sieben Jahre in Tibet bekannter werden sollte, nähert sich dem Gegenstand jedoch weniger mit dem Bemühen um Authentizität, sondern vielmehr anhand einer verblüffend konstruierten Story. Trotz seiner Dichte an mal mehr, mal weniger dramaturgisch notwendigen oder gar schlüssigen Wendepunkten ist Coup de tête bzw. Damit ist die Sache für mich erledigt, wie der Film nach einem Bonmot des Protagonisten – selbstredend vorgebracht an einem Wendepunkt – in Deutschland heißt, in seinem Portrait der fortschreitenden gewerblichen Nutzbarmachung des Sports nahe an der dokumentierten Wirklichkeit.

François Perrin ist ein Spieler bei der Amateurmannschaft des AS Trincamp und wird halbwegs unschuldig in einen Komplott verwickelt. Er steht ohne Job da und wird nun auch noch wegen Vergewaltigung angeklagt – ein Verbrechen, zu dem der Film ein irritierend indifferentes Verhältnis hat. Die harte Zeit, die Perrin nun durchzumachen hat, verdankt er dem skrupellosen Geschäftsmann, der sich als ebensolcher Vereinspräsident erweist. Als die Erste Mannschaft des Clubs einen Autounfall hat und sich einige Spieler verletzen, wird Perrin aus dem Knast geholt, um der Mannschaft zu helfen.

Es geht in Coup de tête nun aber nicht um die emotional erbauende und sozial integrierende Wirkung des Spiels, die etwa Ken Loach 2009 in Looking for Eric meisterhaft inszenierte. Der Kommentar des Gefängnisdirektors bei Perrins vorläufiger Gefängnisentlassung, Fußball diene nun wohl als Resozialisierungsmaßnahme, ist eher sarkastisch gemeint. Zwar wird die gesamtgesellschaftliche Tragweite des nur scheinbar fußballspezifischen Problems stets konnotiert – etwa, wenn die Fans des AS Trincamp »Allez les Bleus!« skandieren, den Schlachtruf der französischen Nationalmannschaft –, der Film gerinnt deswegen aber glücklicherweise nicht zur flachen Parabel. Statt dessen konterkariert Perrin das Spiel, das mit ihm bei Autohauseröffnungen und ähnlichem getrieben wird, mit dem Wissen um seine Situation und den Planen einer klamaukigen Racheaktion. In seiner schrulligen Art zwischen rationaler Berechnung und affektiver Einfachheit scheint er dabei jene Eigenschaften zu vereinen, die die wirklichen Sportler der Zeit auszeichneten. 2011-07-29 09:28

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