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This is England '86 – Vol. 1

GB 2010. R,B: Tom Harper. B: Shane Meadows. K: Danny Cohen. S: Mark Eckersley. M: Ludovico Einaudi. P: Warp Films. D: Vicky McClure, Joseph Gilgun, Thomas Turgoose, Stephen Graham u.a.
93 Min. Ascot Elite ab 15.3.11

Sp: Deutsch, Englisch (DD 5.1), Deutsch (DTS 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: B-Roll, Trailer, Interviews.

This is England '86 – Vol. 2

GB 2010. R,B: Shane Meadows. B: Tom Harper. K: Danny Cohen. S: Mark Eckersley. M: Ludovico Einaudi. P: Warp Films. D: Vicky McClure, Joseph Gilgun, Thomas Turgoose, Stephen Graham u.a.
95 Min. Ascot Elite ab 12.4.11

Sp: Deutsch, Englisch (DD 5.1), Deutsch (DTS 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Deleted Scenes, Trailer, Bildergalerie.

Working Class Heroes

Von Cornelis Hähnel Jeder der bereits einen Film von Shane Meadows gesehen hat, weiß, daß es eine der besonderen Qualitäten des Briten ist, das Lebensgefühl von Teenagern präzise und ohne Peinlichkeit auf die Leinwand zu bringen. Dies gelingt ihm sowohl, wenn der Film in der Gegenwart angesiedelt ist, wie Somers Town (2008) oder z. B. auch in den 1980er Jahren, wie in seinem mehrfach ausgezeichneten Überraschungserfolg This is England (2006).

Vor dem Hintergrund des Falklandkrieges, den Auswirkungen des Thatcherismus und einem beginnenden nationalen Rechtsruck in der Skinhead-Szene erzählte Meadows in feiner Balance von Drama und Lebensfreude die Geschichte des 12jährigen Shaun, der sich der Skinhead-Subkultur anschließt. This is England schaffte es, den Zeitgeist einer Generation einzufangen, ohne sich in nostalgischer Wehmut zu verheddern. Der 1992 geborene Thomas Turgoose debütierte darin als Shaun und entpuppte sich als Offenbarung – ein großes Talent, das eine mitreißende Spielfreude an den Tag legte wie damals Jamie Bell in Billy Elliot, nur halt mit Glatze und Springerstiefeln.

Zusammen mit dem britischen TV-Sender Channel 4 hat sich Meadows nun an eine Fortsetzung gewagt. Ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen, ist doch This is England eigentlich, in Hinblick auf die klassische Initiationsgeschichte, zu Ende erzählt. Doch das Leben ist ja immer voll neuer Geschichten und so gehen drei Jahre ins Land und die neue Lebensphase verlangt nach neuer Problemanalyse.

Grundlagen für das Drehbuch der Serie hatte er bereits, mußte er doch beim Spielfilm auf einige Handlungsstränge verzichten. Und so konzentriert sich This is England ’86 nicht nur auf Shaun, sondern gibt auch den anderen Figuren, deren Schicksale im ersten Teil nicht auserzählt wurden, mehr Raum. Noch immer in der Arbeiterprovinz taumelt die Clique zwischen Zuversicht und Perspektivlosigkeit, zwischen Verantwortung und Sorglosigkeit. Auch wenn alle Mitglieder der Gang ihre Geschichten bekommen, die heimliche Protagonistin ist die coole Renee Lol. Diese Fokusverlagerung mag auch daran liegen, daß Turgoose auch im realen Leben zum Teenie gereift ist und ihm nun etwas das liebenswert-sprühende Charisma fehlt.

Das gewählte Format der TV-Mini- Serie ist dabei von Vorteil, denn mit der Konzentration auf nur vier (je 45minütige) Teile und einer klaren Eingrenzung des Narrationsrahmens vermeidet es Meadows, eine subkulturelle Hosenträgervariante von Coronation Street zu starten. Denn theoretisch ließe sich diese Idee ewig weiterspinnen.

Doch man gibt sich genügsam und widmet sich dem liebgewonnenen Kosmos im bereits erwähnten Dreiviertel-Quartett. Das Rahmenereignis ist diesmal die Fußballweltmeisterschaft in Mexiko, und generell ist die Serie nicht so stark von einer subversiven politischen Ebene geprägt wie der Spielfilm. Geblieben hingegen ist die Genauigkeit bei der Charakterzeichnung, die den Wechsel vom Teenager zum Erwachsenen adäquat in der sich ebenfalls im Umbruch befindenden Subkultur spiegelt. Waren die Figuren in This is England noch jene von Ska und Reggae geprägten Skins, sind nun Einflüsse von Mods, Punks und Goths deutlich erkennbar – äußerlich und innerlich ein Moment des Umbruchs, der Orientierungslosigkeit. Auch im veränderten Gewand füllen die Darsteller erneut ihre Figuren mit jener notwendigen Authentizität aus, die für ein realistisches Bild des Zeitgeists jener Jahre unerläßlich ist, womit der Eindruck eines »Kostümfilms« vermieden wird.

Potenziert durch den geschickt ausgewählten Soundtrack schafft es auch This is England ’86, eine stimmige und packende Atmosphäre zu vermitteln, die darüber hinaus die Grundlage für eine tiefergehende Dramatik schafft. Wenn der Humor an manchen Stellen doch arg in den Klamauk abdriftet, sieht man wohlwollend darüber hinweg, denn die Serie ist, aller Skepsis zum Trotz, ein gelungenes Beispiel für eine Fortsetzung. 2011-07-21 08:24

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