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Libido Mania – Alle Abarten dieser Welt

Sexual aberration (sesso perverso). IT/PA 1979. R,B,S: Bruno Mattei. K: Luigi Ciccarese. M: Giacomo Dell‘Orso. P: Idea Cinematografica.
79 Min. Cinema Obscura ab 31.1.11

Sp: Deutsch, Italienisch (DD 2.0 Mono). Ut: Englisch. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: Audiokommentar von Christian Keßler und Ingo Strecker, Interview mit Claudio Fragasso, Booklet von Dr. Marcus Stiglegger, Fotogalerie, alternative Szenen.

Abarten im Minutentakt

Von Carsten Tritt Eine der großen Fehleinschätzungen ist die verbreitete Behauptung, Bruno Mattei sei ein inkompetenter Regisseur gewesen. Er mag Defizite in der Schauspielerführung gehabt haben, war ansonsten aber fähig und technisch beschlagen. Prägend war freilich eine erstaunliche Faulheit beim Dreh, gepaart mit noch beeindruckenderer Dreistigkeit: Kaum eine Szene, bei der nicht der erste Take zumindest in den Augen des Regisseurs funktionierte, dazu kam der Hang, aufwendige Sequenzen durch Archivmaterial zu ersetzen. Bis kurz vor seinem Tod im Jahre 2007 drehte der filmische Improvisationskünstler Genreware, doch selbst die letzten, billigst auf Video erstellten Filme sind nie ohne Charme. Er war in seinem Wirken demjenigen Helge Schneiders sicher deutlich näher als Ed Woods, und da seine ökonomische Weise der Filmherstellung es quasi unmöglich machte, daß ein von ihm gedrehter Film keinen Gewinn erzielte, erfreute er sich sogar bei einigen Produzenten äußerster Beliebtheit.

Der »Dokumentarfilm« Libido Mania ist eines der großen Meisterstücke Matteischen Schaffens. Begleitet von pseudowissenschaftlichen Ausführungen besteht Libido Mania schätzungsweise zur Hälfte aus Archivmaterial, gerne auch aus anderen Mondo Filmen, verbunden mit neu Inszeniertem, in welchem dieselbe Kulisse mal Singapur, mal Japan darstellt, die gleichen fünf Komparsen erst Äquatorialafrikaner, dann Kameruner und schließlich Zentralafrikaner sind, und schließlich via Schuß-Gegenschuß 16mm-Dokumentaraufnahmen gebannt zuschauender Stammesmitglieder mit professionell ausgeleuchtetem 35mm-Material des angeblichen Schamanen beim Deflorieren der Jungfrau verknüpft werden. Die im Filmtitel versprochenen Abarten dieser Welt wechseln fast im Minutentakt, und ihre Obskurität wird dabei noch stets durch die Obskurität der Darstellung übertroffen. Mit seiner Erfahrung als Editor zweifelhafter Filme verstand es Mattei wie kaum ein zweiter, präzise auf Schnitt zu drehen, und war mit seiner Verwendung von Found Footage Advokat jener innovativer Collagetechnik, die hier in Libido Mania zu voller Blüte erwächst. Ohne Rücksicht auf Geschmacksgrenzen komponiert Mattei aus Zoophilie und Koprophilie eine Symphonie für Bahnhofskinos, dessen Betrachtung auch den Zuschauer von sämtlichen Zwängen befreien und in Freudenlaute ausbrechen lassen muß. 2011-07-07 09:28
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