— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Die linkshändige Frau

BRD 1978. R,B: Peter Handke. K: Robby Müller. S: Peter Przygodda. M: Uli Winkler. P: Filmverlag der Autoren, Road Movies Filmproduktion, WDR, Wim Wenders Productions. D: Edith Clever, Bruno Ganz, Bernhard Minetti, Markus Mühleisen, Michael Lonsdale, Angela Winkler, Rüdiger Vogler u.a.
111 Min. Arthaus ab 20.1.11

Sp: Deutsch (DD 1.0). Ut: Keine. Bf: 1.33:1 Vollbild. Ex: Fotogalerie, Trailer.

Im Spannungsfeld von Kommunikation

Von Marieke Steinhoff Versteht man Kritik mit Roland Barthes als Diskurs über einen Diskurs, als »sekundäre« Sprache, die sich mit »primärer« Sprache befaßt, dann leistet die Filmkritik gar eine doppelte Transformation: Sie ist nicht nur Meta-Sprache, sondern muß auch noch von einem Medium ins andere übersetzen – Bilder müssen in Wörter, Wörter in Schrift verwandelt werden.

Im Falle von Peter Handkes Regiedebüt Die linkshändige Frau (1978) spielt der Gedanke der Übersetzung auf mehreren Ebenen eine zentrale Rolle: Der Schriftsteller Handke verfilmt seine eigene Erzählung, muß also seine Wörter in Bilder übersetzen, seine Protagonistin übt den Beruf der Übersetzerin aus, bleibt aber meist sprachlos, so daß der Zuschauer wiederum Gedanken und Gefühle aus ihren fragmentarisch aneinandergereihten alltäglichen Handlungen übersetzen, sich eine Geschichte zusammen basteln muß, wobei ihm kein offensichtlich erkennbarer Deutungsrahmen geboten wird. Was ist übersetzbar?

Eine Frau verläßt ihren Mann, man weiß nicht warum. Ihre selbstgewählte fortschreitende Isolation erträgt sie, irgendwie, dazu Musik von Bach, lange, statische Einstellungen, selten findet man Schuß-Gegenschuß-Verfahren, und innerhalb dieser Statik die artifiziell wirkende Sprache Handkes, zum Teil Wort für Wort der Erzählung entnommen.

Wörter und Bilder stehen hier in einer merkwürdigen Spannung zueinander: der Verweigerung einer Dynamik auf bildsprachlicher Ebene und der Konzentration auf Alltagsmomente, auf Handlungsminiaturen, steht die Überforderung durch eine kunstvolle, dem alltäglichen Moment nicht angebracht wirkende verbale Sprache gegenüber. Irgendetwas stockt – nicht nur die Figuren leiden unter ihrer Kommunikationsunfähigkeit, auch der Film selbst erzeugt einen Kommunikationsmangel, der vom Zuschauer mit eigenen Inhalten gefüllt werden möchte, will er nicht ausgeschlossen bleiben.

So ist Handkes zu Unrecht in Vergessenheit geratenes Filmdebüt heute noch ein irritierendes Erlebnis, welches das Gefühl einer verweigerten Vermittlung hinterläßt, in seiner Offenheit aber auch unterschiedlichste Entdeckungen ermöglicht; das Zeitmosaik einer Ära der Verlorenheit, das Portrait eines inneren Exils oder auch nur einen Film über die Unmöglichkeit einer Eins-zu-eins-Übersetzung. 2011-07-05 09:16

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap