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I Spit on Your Grave

USA 2010. R: Steven R. Monroe. B: Stuart Morse. K: Neil Lisk. S: Daniel Duncan. M: Corey A. Jackson. P: Family of the Year Productions. D: Sarah Butler, Chad Lindberg, Tracey Walter, Daniel Franzese, Jeff Branson, Rodney Eastman, Andrew Howard, Mollie Milligan u.a.
103 Min. Sunfilm ab 16.6.11

Sp: Deutsch (DD 5.1, DTS 5.1), Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: Trailer.

After Party mit Dauerkater

Von Heiko Martens Kinobesuche sind nicht nur ein Erlebnis des Individuums mit dem Medium Film auf der Leinwand. Es sind auch – quasi-religiöse – Zusammenkünfte zumindest partiell seelenverwandter Menschen, die sich, wenn auch sonst fremd, im Hinblick auf das Schauen dieses einen Films doch einig sind. Das schafft Zusammenhalt und erhebt das Kino über manch anderen Rezeptionszusammenhang. Insoweit vielleicht eine weise Entscheidung, daß I Spit On Your Grave, das Remake des gleichnamigen Films aus dem Jahr 1978 (Regie: Meir Zarchi), es erst gar nicht ins Kino geschafft hat. Es bleibt einem also erspart, sich vorzustellen, in einem Kino mit Menschen zu sitzen, die so einen Film sehen wollen, dafür Geld ausgeben und ihre Reaktionen zum Teil des Kinoerlebnisses werden lassen. Es ist auch so schon schlimm genug.

Selbst Filme für schlichte Gemüter leisten sich inzwischen meist einen Plot, für den man drei Sätze braucht, ihn erschöpfend wiederzugeben. Bei diesem Film reichen zwei. Eine Frau wird mehrfach vergewaltigt. Sie rächt sich, indem sie all ihre Peiniger nacheinander umbringt.

Das Original zeichneten vor allem zwei Dinge aus. Zum einen die komplette Abwesenheit jeglichen Handwerks – willkürliche Kameraführung, Schauspielleistungen, die ein Schultheaterkurs nicht verdient hat, und ein Ton, der stetig aus der Kloschüssel kam. Zum anderen die krude Mischung aus Gewalt, Sex, Selbstjustiz und einer herbeigeheuchelten Pseudo-Frauenbefreiung, die das Ganze deckeln sollte und die mit dem Ausdruck Exploitation noch geadelt wäre. Man beachte nur den Alternativtitel »Day of the Woman«, unter dem der Film auch lief. Dennoch hat der Aufschrei dessen, was heute politische Korrektheit heißt, dafür gesorgt, daß der Film in etlichen Fassungen unter und über der Ladentheke als verpönter Skandal gehandelt wird.

Was macht das Remake aus dieser Vorgeschichte? Handwerklich juckt es einem dieses Mal nicht unangenehm zwischen Zahnreihe und Oberlippe. In den USA kommen inzwischen auch manche C- bis D-Movies relativ schmerzfrei daher. Inhaltlich schleicht sich das Werk feige aus dem Staub, wo es die Chance gehabt hätte, wenigstens ein bißchen Boden gut zu machen. Wo schon das Original in der Psychologisierung der Gedemütigten auf ihrem Weg zum Racheengel versagte, bleibt das Remake perfide konsequent – diesen Part spart der Film komplett aus, indem die Hauptfigur einfach für eine gute Viertelstunde aus der Handlung verschwindet. Sei es drum. Was die Frau (Sarah Butler) in ihrer Abwesenheit aber alles auf die Beine stellt, um ihren Rachefeldzug zu Ende zu bringen, spottet jeglicher Beschreibung und zeigt vor allem, daß es sich als Vergewaltigungsopfer empfiehlt, sämtliche Filme der Saw-Reihe in- und auswendig zu kennen. Die Frage der Selbstjustiz wird übrigens auf dieselbe Art und Weise angegangen, indem der Sheriff vor Ort nicht nur gleich mitmacht, sondern sich sogar zum Schlimmsten unter den Schlimmen mausert.

I Spit On Your Grave reiht sich ein in eine ganze Riege von Gewalt- und/oder Horrorschinken aus den 1970ern, bei denen man auf ein Remake gerne verzichtet hätte – und die fast durchweg erfolgreich auch für die heutige Generation an Heranpickelnden zu funktionieren scheinen. Das nächste Ärgernis kommt bestimmt. Zum Beispiel fehlt Der Angriff der Killertomaten (USA 1978, Regie: John de Bello) noch auf der Liste.

Bleibt unterm Strich ein Film, den man gerne nicht gesehen hätte. Und zwar nicht, um einem moralinsauren Kanon beizuspringen, sondern weil es schlichtweg an Gründen mangelt, solchen Werken und ihren Machern die Bestätigung zu geben, daß es sinnvoll ist, was sie tun. Im Gegenteil – der politische Unterton, der hier bedient wird, findet sich vermutlich auch bei den Menschen wieder, die I Spit On Your Grave aus der Videothek nach Hause tragen. Und die mit dem Körperteil, in dem der Sheriff am Schluß sein eigenes Gewehr wiederfindet, auch schon ausreichend beschrieben sind. 2011-06-29 11:28

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