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Bedevilled – Störkanal Edition

ROK 2010. R: Jang Chul-soo. B: Choi Kwang-young. K: Kim Gi-tae. S: Kim Mi-Joo. M: Kim Tae-seong. P: Boston Investments, Filma Pictures, Tori Pictures. D: Seo Yeong-hee, Ji Sung-won, Park Jeong-hak, Ji-eun-i Lee, Je Min, Min-ho Hwang.
115 Min. I-ON New Media ab 25.3.11

Sp: Deutsch, Koreanisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: 12seitiges Booklet.

Mord und Totschlag auf dem Lande

Von Robert Cherkowski Korea und die Rache – eine Geschichte voller Leid, Haß, Schmerz, Todeswünsche und nackter Gewalt. Egal, ob man sich, wie in Oldboy, mit dem Hammer durch Heerscharen an Schindern pflügt, oder, wie zuletzt in I saw the Devil, ein barbarischer Rausch der Vergeltung schlußendlich unter der Guillotine endet. Die geteilte Nation am gelben Meer scheint es nicht so mit der Vergebung zu haben. Gott vergibt den Sündern – die koreanischen Racheengel organisieren das Treffen.

Die Gründe mögen mannigfaltig sein. Gewiß hat so gut wie jede Familie des Landes mit unverarbeiteten Gräueln zu hadern, seien sie nun Produkt des »notwendigen Krieges«, der anhaltenden Teilung und den dadurch zerrissenen Familienbanden oder der jahrzehntelangen Militärdiktatur. Auf den großen Leinwänden wird den allzu oft verdrängten Traumata auf exzessive Art freie Bahn gelassen und die gute alte Rache – so unheilvoll sie auch sein mag – gibt immer wieder einen funktionellen dramaturgischen Rahmen für unversöhnliche Tour de Forces ab.

Jang Cheol-soos Bedevilled macht da keine Ausnahme, auch wenn die Racheuhr hier ein bißchen anders tickt als bei anderen Genrevertretern. Die Unterschiede beginnen schon mit der etwas komplizierteren Figurenkonstellation, die einen etwas anderen Ansatz wagt. Die latent voyeuristische Perspektive, mit der man der Gewalt auf der Leinwand begegnet, wird in Bedevilled selbst in die Erzählung eingebunden. Dies geschieht in Gestalt der etwa dreißigjährigen Seouler Bürokraft Hae-won. Zur Identifikationsfigur jedoch will diese einfach nicht taugen. Erst recht nicht, als sie eines Nachts Zeuge wird, wie drei Straßengangster eine junge Frau zu Tode prügeln und sie sich aus Furcht weigert, die Schufte im Polizeirevier zur identifizieren. Von posttraumatischem Streß geschüttelt, nimmt sie kurzerhand eine Auszeit und sucht die Stätte ihrer Kindheit auf: die von der Außenwelt nahezu völlig abgeschottete Insel Moodo. Auf dem paradiesisch wirkenden Felsen scheint die Zeit seit mindestens einem Jahrhundert stehengeblieben zu sein – was sich nicht nur in der Abwesenheit von Technologie und städtischem Trubel bemerkbar macht, sondern auch in einem vorsintflutlichen Geschlechterbild, ständiger Gewaltbereitschaft und ebenso frustrierter wie frustrierender Dummheit. Kurz: Hae-won ist im Backwood gelandet. Der einzige Kontakt zur Gegenwart jenseits der Bucht ist der leicht beschränkte Fährmann, der die Ernteerträge ans Festland oder – bei Bedarf – Prostituierte auf die Insel bringt. Das entbehrungsreiche Leben ist geprägt von harter Arbeit und tief sitzender Mißgunst gegenüber allen, denen es besser ergangen ist. So wird Hae-won dann auch kein herzlicher Empfang bereitet, sondern ihre Anwesenheit großteils ignoriert oder mit verächtlichen Blicken quittiert.

Die Einzige, die sich wirklich über ihre Anwesenheit zu freuen scheint, ist Bok-nam, ihre Freundin aus Kinderzeiten. Bok-nam ist es auch, auf die sich der Fokus der Erzählung sehr bald verlagern wird. Auch Rhythmus und Gangart werden alsbald entschieden den Kurs wechseln. Was als unterkühltes und mit sachten Nuancen arbeitendes Drama über urbane Entfremdung seinen Anfang nahm, wird im sonnendurchfluteten Ambiente Moodos zur nicht sehr subtilen Sozialstudie, um im weiteren Verlauf zum brutalen Terrorfilm zu mutieren. Sobald nämlich Bok-nam in den Mittelpunkt rückt, wird die Gewalt-, Sex- und Erniedrigungsschraube in die Höhe geschraubt, daß es nur so raucht. Was Seo Yeong-hie in der Rolle der einfältigen Bäuerin hier alles einstecken muß, weckt unangenehme Erinnerungen an das vor kurzem erschienene, arg-bösartige I Spit On Your Grave- Remake. Von der Inselgemeinde als Idiotin gedemütigt, vom despotischen Gatten regelmäßig mißhandelt und vom debilen Schwager als Sex-Sklavin mißbraucht, übt sie sich lange Zeit in Geduld. Die Anwesenheit der Städterin Hae-won scheint ihr neben der Erinnerung an unbeschwerte Mädchenjahre unter anderem eine Hoffnung auf ein besseres Leben jenseits der Insel zu sein. Als ein verzweifelter Versuch, dem hinterwäldlerischen Mief zu entfliehen, katastrophal scheitert, kommt es, wie es kommen muß: von Wahnsinn und Schmerz ergriffen greift Bok-nam zur Sichel und zahlt es ihren Peinigern heim, während Hae-won mit den Konsequenzen ihrer fehlenden Courage konfrontiert wird, die sich im Falle Bok-nams ein weiteres Mal gezeigt hat.

Man kann Regisseur Jang Cheol-soo nicht den Vorwurf machen, es sich oder seinem Publikum leicht gemacht zu haben. Die zahlreichen Irritationen, die er seinem Debüt mittels ständiger Variationen in Sachen Setting, Protagonistin und Genre beimengt, erfordern schon weitaus mehr Konzentration als zahlreiche, eher funktional entworfene Revenge-Vehikel und verleihen dem Werk einen kantigen Autorengestus. Auch handwerklich offenbart sich Bedevilled als »State of the Art« und glänzt durch die geschliffene Hochglanzperfektion, die sich wie ein roter Faden durch das derzeitige Genrekino Koreas zieht.

So sehr man das handwerkliche Können Yangs und die erzählerische Experimentierfreude auch goutiert – so recht will sich keine Begeisterung für Bedevilled einstellen. Zu groß ist die Kluft zwischen der doppelbödigen Meditation über sexualisierte Gewalteskalation vor provinzieller Kulisse, die Bedevilled gerne wäre, und der manipulativen Horrorshow im moralischen Schwarzweiß-Look, die schlußendlich zustande kam. Anstatt das Gewaltpotential der Inselbevölkerung gemächlich zum Vorschein zu bringen (wie es beispielsweise Lars von Trier mit seinen Bewohnern von Dogville tat), zeigt er von Anfang an zahnlos-wettergegerbte Bauerntrottel mit geballten Fäusten. Wenn dieses Schreckenskabinett seine brutalen Seiten zum Vorschein bringt, ist das für niemanden eine Überraschung, und bald schon scheint es nur noch darum zu gehen, Haß und Rachsucht bei den Zuschauern zu schüren. Das Finale gerät dann auch zu einer zwar barbarischen, doch auch »befriedigenden« Gewaltorgie. Jede Ambitionen, den breit getrampelten Pfaden der Rache zu entkommen, sind zu diesem Zeitpunkt zum Schema-F-Gemetzel verkommen. Spätestens, wenn Bok-nam im blutrünstigen und überlangen (40 Minuten) Schlußakt im Minutentakt zwischen gerechtem Racheengel, blutrünstiger Slasherin und armer Irrer hin und her und wieder zurück taumelt, ist die Verwirrung perfekt über einen ambitionierten Film, der vieles anders und alles neu machen wollte, nur leider nicht wußte, wie und warum. 2011-06-08 09:07

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